PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Wäre gern lüstern

Stadtleben | aus FALTER 05/05 vom 02.02.2005

... Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen, außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch ...

1Kor, 2,1-5 (2. Lesung am 5. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

Das Publikum strömt schon, ich aber hing schon vorher, sodass die mich nur hängen sehen. Also hängen, das heißt, mit dem Vorhängeschloss sind die Handschellen mir nach oben gefesselt. Die Augen verbunden, der Mund geknebelt. Es steckt im Mund eine Leukoplastrolle ohne Deckel, wo schon viel Leukoplast raus ist, also die Lippen gut versinken, und du kannst sie nicht ausspucken, denn sie sitzt gut. Noch bin ich bekleidet, mit Jeans, die schon rutschen, und einem zerfetzten Leibchen, das keine Achseln mehr hat, also alles bei der geringsten Initiative zu Boden rutscht. Was sie nicht sehen, ist, dass ich mir ins Arschloch einen aufblasbaren Stöpsel zwängte, der ist gut drinnen, aber noch nicht aufgeblasen, das Schläuchl mit der kleinen Pumpe hängt unter der Hose lustig hinunter. Es hängt parallel zum recht ordentlichen Gewicht meines Großvaters Kuckucksuhr und verschnürte die Hoden zu einem Extrasackerl und baumelt auch lustig einen halben Meter hinunter. Aber darüber sind die Jeans, und es schaut noch alles recht ordentlich aus. Die Augen sind mir verbunden und helfen mir zu versinken. Ein bisschen Genießen, trotz aller Angst, dass die mich nicht begreifen. Sie halten dich für tollwütig und retten sich, und niemals kannst du sie anlocken, wenn du dich zeigst. Du musst versteckt auf Lauer liegen, völlig uninteressiert wirken, damit sie dir in die Falle gehen.

  Erst wenn ich so hänge, wird der Saal aufgesperrt, und die Leute könnten strömen, wenn sie kämen. Es ist nichts auf der Bühne als das Plastiktuch, um den Boden der Bühne vor Wachs zu schützen, auf diesem Tuch steh ich, und meine Hände sind mit einem Vorhängeschloss an die Kette nach oben gefesselt. Hinter der Bühne stehen zwei Ingenieure, sie sind wie Monteure in einer Autoreparaturanstalt und haben noch nicht Dienstbeginn, sondern erst in mindestens fünf Minuten. So lange wird das Publikum vor den Kopf gestoßen, glaubt es, was schon begann, hat noch nicht begonnen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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