VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 06/05 vom 09.02.2005

Aus eine Laune heraus schrieb ich letzte Woche zu einer Aufzählung all der brillanten Texte kluger Männer einen Satz dazu, nämlich: "Mit einigen werden wir uns demnächst noch beschäftigen." Dieser Satz schließt an die schöne Praxis der frühen Falter-Jahre an, wo gern Fortsetzungen angekündigt wurden die dann nie stattfanden. Er war aber nicht so gemeint wie jene Handlungsanweisung in Balzacs Roman "Verlorene Illusionen", wo der Titelheld belehrt wird, wie man das Buch eines Autors fertig macht. Man schreibt eine Einleitung zu einer Rezension, die so umschweifig ist, dass sie Buch und Autor zwar erwähnt, aber nie zu ihnen gelangt. Am Schluss verspricht der Rezen-sent dann eine Fortsetzung, die allerdings nie erscheint.

  Es waren die Tage, da der Verteidigungsminister Frischenschlager den Kriegsverbrecher Reder am Grazer Flughafen mit Handschlag begrüßt hatte. Der Falter reagierte mit drei Kommentaren aus Österreich, von Christian Reder, Werner Vogt und Harry Tomicek und dem Abdruck eines Artikels aus La Repubblica, in dem das von Reder verantwortete SS-Massaker an der italienischen Zivilbevölkerung geschildert wurde, das am 20. September 1944 im Ort Marzabotto bei Bologna stattfand und 1830 Menschen das Leben kostete.

  Im Inhaltsverzeichnis wurde die Reder-Strecke so angekündigt: "1944-1985 Die Regierung tappt und tastet sich von einer Panne zur nächsten; man kann dieses Fortschreiten auch Dauerkrise nennen. Mir nichts, dir nichts wird das Zwergstaat-Ansehen in der Welt vernichtet, draußen sieht man uns wieder als Alpenfestung voller Altnazis, drinnen macht sich Bunkerstimmung breit. Alle werden gehalten, keiner tritt zurück, wer kann, diskreditiert sich." Das war Jahre vor Waldheim und seiner Campaign! Was sagt uns all das für das Gedankenjahr 2005? Ein Architekturkritiker formulierte es 1985 so: "Es ist Zeit, dass wir unsere Denkmalwerte neu überdenken." A. T.


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