VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 09/05 vom 02.03.2005

"Milena JesensÇká nannte Kafka Frank. Franz hat im tschechischen, genauso wie Eberhard oder Friedrich, einen befremdend lächerlichen Klang; in der Umgangssprache sind die zahlreich erhaltenen Deutsch-Brocken von eigenartiger Vulgarität." Diese Information stammt aus einem Artikel der tschechischen Schriftstellerin LibusÇe Moniková.

  Moniková, gebürtige Pragerin, geboren 1945, studierte Anglistin und Germanistin, schrieb literarische Texte, und als eine der wenigen tschechischen Schriftstellerinnen (und Schriftsteller) schrieb sie auf deutsch. Deswegen glaubt man ihr die Sätze über den merkwürdigen Klang des Deutschen im Tschechischen unbesehen.

  Seit 1971 lebte Moniková in der BRD. Mit dem Falter kam sie, wenn ich mich recht erinnere, in Kontakt (oder wir mit ihr), weil in einem ihrer Romane der Falter gleichberechtigt mit der Neuen Zürcher Zeitung erwähnt wurde. Sowas macht stolz. Ich glaube, es war Elisabeth Loibl, die den Kontakt zu Moniková hielt, so kam es, dass dieser Text von ihr bei uns erschien. Es handelte sich um eine Rezension eines Sammelbands mit Reportagen von Milena JesensÇká. Die berühmte Freundin Kafkas berichtete von sozialen Zuständen, von Ausstellungen des Bauhauses, von Kinofilmen und vor allem - Moniková hebt es hervor - von den Schicksalen deutscher Emigranten in der Tschechoslowakei auf dem Höhepunkt der Weltkriegs-Krise 1937-39. "Sie schreibt über ,Lynchjustiz in Europa', über die vertriebenen Juden und deutschen Sozialdemokraten, für die sie mit ihren Artikeln und mit ihrem konspirativen Einsatz mehr getan hat als gleichgesonnene Politiker." Zum Schluss das trockene Resümee Monikovás über die Reportagen von Kafkas Geliebter: "Milena JesensÇkás Reportagen ersetzen ihre verlorenen Briefe an Kafka." LibusÇe Moniková ist 1998, viel zu früh, an Krebs gestorben.  A. T.


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