STREIFENWEISE

Kultur | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 09/05 vom 02.03.2005

Erst im Bus merkt Pilar (Laia Marull), dass sie noch ihre Hauspantoffeln trägt. An die Kleidertasche für sich und ihren Sohn hat sie gedacht, als sie mitten in der Nacht aus der Plattenbauwohnung in Toledo flüchtete. Die eigenen Füße hat sie vergessen. - Wenn "Te doy mis ojos" ("Take My Eyes"), das angenehm schlichte Drama der Spanierin Icíar Bollaín, von ehelicher Gewalt erzählt, kommt es weitgehend ohne drastische Szenen aus. Der Akt der Misshandlung bleibt im vorfilmischen Off. In ihrer ruhig beobachtenden Art gelingt es Bollaín, keine der Figuren zu verurteilen - nicht einmal den Ehemann, der in einer Therapie vergeblich gegen sich selbst kämpft -, sondern vielmehr die Gesellschaft und deren klischierte Rollenerwartungen für das Geschehene verantwortlich zu halten. Insofern gehört "Te doy mis ojos" zu den Höhepunkten der kleinen, aber feinen, vom 3. bis 10. März im Filmcasino stattfindenden Themenschau "Frauenwelten".

  Frauenwelten der anderen Art gehen derweil im Top-Kino über die Leinwand: Legetrick, Zeichentrick, Claymation, Computeranimationen, Blue-Box-Effekte - "Tricky Women" (3. bis 6. März) ist das europaweit einzige Festival des weiblichen Animationsfilms. Herzstück der zweijährlich stattfindenden Filmschau ist das Wettbewerbsprogramm, heuer mit 45 internationalen Kurzfilmarbeiten, darunter dem witzigen Zehnminüter "SW-NÖ 04" des Linzer Regie-/Darstellerinnenduos Barbara Musil und Karo Szmit, das sich die kitschigen Ölgemälde, Alpenpanoramen und Waldlandschaften mit röhrendem Hirsch aus Großvaters Wohnzimmer via Blue-Box-Begehung aneignet. Susanna Farkas' Kurzfilm "JO 881601" verleiht unterdessen den Piktogrammen Alter, Gebrechlicher und Schwangerer - bekannt aus den Wiener Öffis - ein animiertes Eigenleben. Sehr zu empfehlen auch die Personale der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig: Gerade die wenig bekannten Arbeiten aus den Siebzigern führen ein sehr schön barockes Eigenleben.


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