WIENER GERICHTSMEDIZIN

Wirbel im Seziersaal

Stadtleben | aus FALTER 10/05 vom 09.03.2005

Die ehrwürdige Gerichtsmedizin in der Sensengasse am Alsergrund zählt zu den ältesten Instituten weltweit. Das Fach ist aus der sogenannten "Staatsarzneykunde" des ehemaligen Direktors des Allgemeinen Krankenhauses Wien, Johann Peter Frank, hervorgegangen. Lange galt das Wiener Institut als internationale Vorzeigeeinrichtung - bis zu einem Rechnungshofrohbericht 2003. Laut diesem herrschten katastrophale Zustände am Institut: Bis zu drei Leichen wurden in einem Kühlfach verwahrt, allgegenwärtiger Verwesungsgeruch und baufällige Räumlichkeiten sorgten für Diskussionen.

  Zuletzt kam das Institut wieder mit der Ablösung des Vorstands Manfred Hochmeister in die Schlagzeilen. Er musste Ende Jänner nach etwa einem Jahr seine Funktion zurücklegen. Als Grund für Hochmeisters Ablöse gab das Institut an, dass er Einnahmen des Departements zum Teil über ein privates Konto abgewickelt habe. Hochmeister ist nun zwar seiner Funktion enthoben, bleibt aber weiter Professor der Uni Wien. Nach jahrelanger Führungslosigkeit des Instituts hatte er zuvor ein schweres Erbe angetreten.

  Hochmeister lag nämlich mit den altgedienten Gerichtsmedizinern im Clinch. Diese sind häufig als gerichtlich bestellte Gutachter tätig. Auch der Rechnungshof kritisiert, dass der von ihnen ans Institut abgelieferte Kostenersatz (für Verwendung universitärer Einrichtungen) viel zu gering sei. Mittlerweile ist die Finanzsituation des Instituts so schlecht, dass im schlimmsten Fall sogar eine Schließung möglich wäre. Hinter den Kulissen dürfte die angeschlagene Institution noch immer nicht zur Ruhe kommen: Eine für vergangene Woche angekündigte Pressekonferenz zur Zukunft des Instituts wurde kurzfristig abgesagt.


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