PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Scheiß-Palmsonntag

Stadtleben | aus FALTER 11/05 vom 16.03.2005

... Dir lobsingen im Himmel

ewig der Seligen Chöre ...

Einst mit Zweigen in Händen

eilte das Volk dir entgegen;

Ruhm, Preis und Ehre

sei dir, Erlöser und König ...

(Hymnus am Beginn der Palmprozession)

Jetzt ist es kalt und Winter und seit einem halben Jahr halte ich keinen Groschen mehr in den Händen, lebe als elendster Bettler. Als Wurm kriechend, ohne wenigstens ausgetreten zu werden, wie eine Kippe. Ein Nachbar hat mir die Fenster verglasen lassen. Die Scheiben bergauf zum Glaser getragen, und sogar wieder geholt. Und ich kann es ihm bis heute nicht zurückzahlen.

  Aber Winter heißt Wender, weil er alles wendet. Entweder du stirbst, bevor das Wendemanöver zu Ende ist, oder du lebst. Ich werde sicher an dieser Schwelle einmal krepieren. Und ich will am liebsten jetzt bereits krepieren. Ich habe alles, was es zu leben gäbe, erahnt. Und eine große glorreiche Menge von Nichterlebtem gehortet. Ich war nie am Meer, nie verliebt, kann nicht schwimmen, bin noch nie irgendwohin gereist, aus mir heraus. "Reisen" ist ein undenkbares Wort. War eigentlich nur in Talkshows, nie im Ausland. Mein ganzer Stolz sind meine vielen Nichte. Einmal war ich mit dem Amt der Niederösterreichischen Landesregierung in Budapest auf einem Betriebsausflug, 1982, und da war das Einzige, was ich je aus Neugierde bzw. Eigeninitiative unternommen habe, dass ich einen ungarischen Supermarkt aufsuchte, um zu spüren, wie ein völlig hinniges Supermarktfressy wie ich leben würde können. Das war meine einzige Eigeninitiative im Zuge einer Fremdinitiative. Und jetzt schreie ich zum Herrn, lass es gut sein, lass mich krepieren. Niemand braucht mich, und ich selber lese doch den Tramontana auch nie, also warum soll der Tramontana mich lesen oder sonst irgendwer. Es ist doch jedes glücklich über jeden Quadratzentimeter Kolumne in einer Zeitung: Die muss es nicht lesen, die kennt es schon in- und auswendig. Wie Lurch lungern sie heimelig im Blatt. Ich werde sterben. Ich werde mich ins Bett legen und werde sterben, bis der Tod eintritt. Denn wenn der Frühling kommt, die Wende, werde ich es nicht mehr ertragen, ungefragt zu sein.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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