BOURDIEU, LUHMANN & CO

Theoretische Notfalltropfen

Extra | aus FALTER 11/05 vom 16.03.2005

Seit 1968 haben sich sozialwissenschaftliche Theorieströmungen in einem Tempo wie einst die -ismen der künstlerischen Avantgarde abgelöst. Durch die "Neue Unübersichtlichkeit" oder "Postmoderne" wurde der Wahrheitsbegriff gehörig aufgeweicht. Im Vergleich zu den politisierten Siebzigerjahren haben die Humanwissenschaften heute eindeutig an gesellschaftlicher Bedeutung verloren. Diese Entwicklung führt der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch auf den dramatischen Funktionsverlust der Universität zurück: Die Medien haben dem traditionellen Ort des Diskurses den Rang abgelaufen. Erst über die mediale Präsenz fand der "Re-Import" relevanter Themen an den Hochschulen statt - siehe Gender-Studies. Naturwissenschaftliches Expertenwissen wiegt heute mehr und stellt sich gleichzeitig für den Laien viel unzugänglicher dar.

  Der 11. September habe jedoch wieder einen leichten Shift zugunsten von humanwissenschaftlichen Erklärungsmodellen gebracht, meint Hörisch. Die von ihm vorgelegte "Theorie-Apotheke" bietet einen flott geschriebenen Überblick über Schulen und Schlagwörter (z.B. zu Bourdieu, Cultural Studies, Systemtheorie, Iconic Turn). Der "apothekarische Wahrheitsbegriff" kenne eine Fülle von Heilmitteln. Hörisch empfiehlt Theorien als Arzneien für Probleme, er informiert über Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Die Suche nach dem "Heil" letztgültiger Wahrheiten soll von einer fröhlichen Wissenschaft abgelöst werden.

N. S.

Jochen Hörisch: Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen. Frankfurt a.M. 2004 (Eichborn/Die Andere Bibliothek). 328 S., e 29,30


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