Vom Grill

Schrilles Sterben

Steiermark Stadtleben | MATHIAS GRILJ | aus FALTER 12/05 vom 23.03.2005

Mit dem Frühling lebt die Stadt wieder auf. Von Gast- und Schanigärten duftet der Mokka, auf den Gassen tänzelt mediterrane Heiterkeit, die Leute sind mit Lebensfreude infiziert. Sogar den Grantigsten passiert ein Lächeln. Schön.

  Zugleich aber gehen all die Aufdringlichkeiten wieder los, die seit Jahren zunehmen: An allen Ecken und Enden steigen Events und Sportveranstaltungen, Werbespektakel, Kundgebungen und Feste, Gokartrennen und Märkte, es wird aufgesteirert und in übersteuerte Mikros geplärrt, dass die Fassaden nur so zittern. Nirgends bleibt man verschont von terroristischen Zwangsbeglückungen und denkt erschöpft mit Hölderlin: "Ein wildes Fest sind alle Tage worden."

  Früher war so etwas die Ausnahme und dadurch angenehm. Früher gab's einzelne Geiger, Sänger, Gitarristen - nun stehen hinter den Spektakeln große wirtschaftliche Interessen und voluminöse Lautsprecher. Wird deshalb alles greller, penetranter, ordinärer? Dieses Krakeelen nennt man allen Ernstes Stadtbelebung. Politik und Wirtschaft sind dafür: "Endlich tut sich was!" Das ist ein Unsinn. Wenn die Stadt kein Wohnraum für die Leute ist, sondern nur noch Kommerzkulisse, stirbt sie ab: Traditionsgeschäfte sperren zu, die Bewohner der Innenstadt flüchten ins Umland. Diese dröhnenden Animationen beleben die Stadt nicht - sie sind ihre schrillen Totentänze.


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