PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Harand, Dollfuß, Schönborn

Stadtleben | aus FALTER 12/05 vom 23.03.2005

... Unser Paschalamm ist geopfert: Christus.

So lasst uns das Festmahl feiern ...

1Kor 5,7b-8a (Halleluja-Vers am Ostersonntag)

1935 schrieb die Österreicherin Irene Harand als Antwort auf Hitler das Buch "Sein Kampf", worin sie in einer sehr gepflegten Sprache alle Widerwärtigkeiten des Nationalsozialismus aufzählte. Vor allem schrieb sie, was all die vielen Jahrtausende das Christentum und die Kreuzfahrer für Pogrome und Morde an Juden begingen.

  Jetzt hat der Verleger Franz Ferdinand Richter dieses Buch wieder aufgelegt, und Erzbischof Schönborn hat es am 12. März in einer Marathonlesung im Erzbischöflichen Palais von etwa hundert der Intelligenzija angehörenden Prominenten verlesen lassen und übers Internet und auf eine Videowall übertragen lassen. Ich saß vorm Computer und habe mir das anhören können, was eine sehr schöne zwölfstündige Versenkung erbrachte.

  Es ist "Sein Kampf" nun aber auch ein austrofaschistisches Buch, ganz im Geist der herrschenden Zeit damals eingetaucht. Es bringt die Lobeshymnen auf die Juden als Positivbild des damaligen negativen Verhetzungsbildes. Es berichtete von christlichen Pogromen an den Juden, wo dann aber immer als Deus ex Machina ein Bischof auftauchte, der für die Juden eintrat und alles wieder gutmachte, soweit es ihm möglich war. Die bösen Kreuzfahrer hatten immer einen gut gesonnenen katholischen Bischof als Widersacher. Papst Pius XII. wird als vehementer Kämpfer gegen die Nazis dargestellt. Der austrofaschistische Bundeskanzler, von Frau Harand als "großartig" beschrieben, der von den Nazis niedergeschossen und stundenlang ohne Hilfe gelassen wurde, verblutete. Aber sie schreibt kein Wort über den christlichsozialen Ständestaat und das ausgeschaltete Parlament, wo Sozialdemokraten und Kommunisten ihrerseits von den christlichsozialen Faschisten verfolgt und in bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen ermordet und gefangen gehalten wurden. So hat sich also ereignet, dass am sechzigsten Jahrestag der größten Bombennacht über Wien ein großzügiger Friede vonseiten der Linken über diese Geschichte gelegt wurde.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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