Tragö-erstickt Komödie

Steiermark Kultur | MATHIAS GRILJ | aus FALTER 14/05 vom 06.04.2005

THEATER Pinters "Betrogen" im Literaturhaus: eine Inszenierung noch verstaubter als das Stück. 

Für seine Interpretation von Harold Pinters "Betrogen" griff Gogo Nachtmann klug und geschickt in die Textkonstruktion ein und rubbelte damit die Muster hervor, nach denen unsere Erinnerungen und Lügen funktionieren. Puzzle und Patchwork und Schwindel und (Ver-) Schiebung. Allerdings gelang dies nur auf dem Papier, nicht auf der Bühne. Da wirkt das 1978 entstandene Kammerspiel um einige Jahrzehntchen älter. Was als flockige und leichtfüßige Komödie und als gehobener Boulevard durchaus aufgehen und einen vergnüglichen Abend bieten könnte, ächzt und stöhnt unter der Last des Schicksalshaften, die man sich in dieser Aufführung aufgebürdet hat. Darunter ist das Stück erstickt.

  Es geht in "Betrogen" um betrogene Betrüger, Leute aus der Kunst- und Literaturszene Londons, die jahrelang ein bisschen durcheinandervögeln, was sie durcheinander- und schließlich auseinander bringt. Das wäre vollends belanglos, hätte Pinter nicht zum Kunststück gegriffen, die ganze Chose vom Ende her aufzurollen und durch filmhaft geschnittene Szenen in deren Anfang zu robben.

  Die Inszenierung macht sich die Sache schwer, um sie dann letztlich nicht zu derheben. Hier wird unentwegt bedeutungsschwer in der Gegend herumgeblickt. Hier wird - Achtung, Leidenschaft und so! - in Sessel gekickt. Hier flackern - hui, Kontaktfehler und Bedeutung! - die Lampen. Hier wird - tragischer Schulterwurf der Erkenntnis! - urplötzlich aufgebrüllt. So geht's mühsam dahin. Nikolaus Lechthaler bewegt sich als Jerry über die Spielfläche, als wollte er im allernächsten Augenblick zum Mr. Hyde mutieren, ein Tragöde aus der Stummfilmära. Markus-Peter Gössler gibt sich gleichsam very british und ist dabei steif. Rosie Belic, ein Schmetterling aus kaltem Stein, vermag als Emma am ehesten zu überzeugen. Denn sie ist, wie Frauen halt sind - undurchschaubar.


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