Kommentar

Was man hierzulande wieder sagen darf


KLAUS NÜCHTERN
Kultur | aus FALTER 14/05 vom 06.04.2005

Beginnen wir diesmal mit einem Witz. Die Szene spielt in einer Straßenbahn. Ein SS-Offizier tritt einer Schwangeren auf die Füße, worauf diese sich - immerhin trage sie einen deutschen Helden, sozusagen ein Kind des Führers unterm Herzen! - ereifert und dem SS-Mann eine schallende Ohrfeige verpasst. Als dieser darauf auch einem Juden auf die Füße tritt und von diesem eine weitere Tetschn kassiert, wird der Jude sofort verhaftet und vor Gericht gestellt. Vom Richter nach den Motiven seiner ungeheuren Tat gefragt, antwortet er: "I hab g'laubt, ma derf scho wieder."

Was man darf, nicht darf oder "scho wieder" darf bzw. zu dürfen glaubt, beschreibt den Status quo einer Gesellschaft. Mit der larmoyanten Formel "Man wird doch wohl noch sagen dürfen" melden sich zum Beispiel gerne Leute zu Wort, die ahnen, dass der Übergang von der schweigenden zur sprechenden Mehrheit kurz bevorsteht oder schon vollzogen wurde, die sich aber dennoch gerne als eine zum Schweigen genötigte Minderheit darstellen

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