VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 15/05 vom 13.04.2005

1985, da hatte die Polizei noch Sorgen, und der Falter auch. Die Zeitschrift machte sich das Thema "Sprayer" zu eigen. Mehr als einmal hievte es aufs Cover, brachte Reportagen und Stellungnahmen. Obwohl, wie sie in Kommentaren deutlich machte, die Sprayer nicht in Schutz genommen und ihre Hervorbringungen ästhetisch eher als Zumutung empfunden wurden.

  Anlass war eine Aktion von Polizei und Justiz, in der ein Sprayer in flagranti erwischt und eine Wohngemeinschaft, in der er ab und zu nächtigte, in Bausch und Bogen festgenommen und ein paar Tage in Untersuchungshaft festgehalten wurden. Einem der Festgenommenen nahm die Polizei die Kleidung ab und beließ ihn tagelang in Unterwäsche, weil Farbspuren untersucht werden mussten. Die Verwandten durften keine Kleidung bringen, wie im Landesgericht verlautete, denn "nur Montag is Gwand-Tag".

  Die Falter-Berichterstatter Peter Lachnit, Michael Jäger und Karl Lind berichteten, die SP, angeführt von Bürgermeister Zilk und Innenminister Blecha, auf die die Aktion scharf gegen die Sprayer zurückging, habe die "Luken gegenüber Grünen, Alternativen, Künstlern und Intellektuellen dicht gemacht". Die Staatspolizei lege sich Verschwörungstheorie von Hintermännern und ausländischen Drahtziehern zurecht, weil sie der "Anarchoszene ... oder dem, was sie dafür hält, mit teilweise ans Pathologische grenzendem Hass zugetan" sei.

  Höhepunkt des Staatsexzesses: Bei einer Solidaritätsdemonstration für die eingesperrten Sprayer wurde ein Pärchen verhaftet. Die Frau, eine ausländische Besucherin, entging der Abschiebung nur knapp. Delikt der beiden jungen Demonstranten: "Anstandsverletzung und Erregung öffentlichen Ärgernisses." Zu deutsch, sie hatten miteinander geschmust. A.T.


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