Fragen Sie Frau Andrea

Seidel Wonne

Stadtleben | aus FALTER 15/05 vom 13.04.2005

Liebe Frau Andrea,

in unserem Stammlokal stellten wir neulich fest, dass das kleine Bier auf der Karte als "Seidl" angeführt wird. Da uns das nicht korrekt erschien, fragten wir beim Kellner nach, der meinte, eigentlich hieße es "Seidel". In der Umrechnungstabelle meines Kochbuchs wird eine Menge von 0,3l Bier jedoch als "Seiterl" ausgewiesen. Und Wolfgang Ambros, einer der es wissen müsste, singt "A Gulasch und a Seitl Bier". Wie heißt es denn, bitte, nun korrekt - und warum eigentlich?

Liebe Grüße,

David, Angelika & Claudia

Liebe Angelika, Claudia und David, in der Hohlmaßfrage hat etymologisch die Nummer eins vom Wienerwald, orthografisch Ihr Kellner Recht. Unser Ausdruck für die kleinere der beiden Bierglasnormen war ursprünglich ein Maß für Flüssiges wie Trockenes und kommt vom lateinischen sitella, einem urnenförmigen Eimerchen, dem Diminutiv zu situla, womit im Mittelalter ein kleineres Gefäß für Wein bezeichnet wurde. Das Seidel, wie es heute offiziell heißt, ist irgendwann aus der Kloster- und Urkundensprache ins Mittelhochdeutsche ausgebüchst und hat sich als sîdel im Protoösterreichischen wohlzufühlen begonnen. Das Seiterl, wie das Seidel in Analogie zum Krügerl oft und falsch genannt wird, wäre bereits ein kleines Seidel. Dafür hat das Wienerische aber inzwischen den Ausdruck "Pfiff" in Umlauf gebracht. Im legendären Salzgries, keine schlechte Adressse für gute Ausdrücke, hieß das Seidel schlicht "Hopfenkaltschale klein".

dusl@falter.at


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