PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Lieber Schneck

Stadtleben | aus FALTER 15/05 vom 13.04.2005

... Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber ...

Joh 10,1-10 (Evangelium am 4. Ostersonntag eines Lesejahres A)

Wenn es schon jetzt schrecklichst ist, leben zu müssen, früher, ausgenommen vielleicht 1967, muss es noch viel bestialischer gewesen sein, gelebt haben zu müssen. 1967 nämlich zeichnete sich schon ab, dass ich eine Berufsausbildung abschließen werde können, und meine Eltern haben schön langsam aufgehört, mir zu drohen, sie täten mich in ein Heim, wenn ich nicht brav bin. Ich stahl nämlich jeden Tag Geld aus den Börsen der Eltern, um Wurstsemmeln bei der Frau Prögelhöf zu kaufen, mit Krakauerwurst und hineingeschnittenen Gurkerln, und Benstorp-Nougatschokolade, in Kardinalpurpur verpackt. Und mein Leben war eine einzige Geisterbahn, denn eines der beiden Elternteile werde es garantiert entdeckt haben: Er hat mir schon wieder etwas gestohlen! Und sie schrien sodann die ganze Nacht miteinander und tobten, wie es kommen konnte, dass ich so schrecklich missriet. Es muss dazu gesagt werden, dass das Lebensmittelgeschäft Frau Prögelhöfs direkt an die Mauer meines Schlafgemachs grenzte. Also da lag ich, dann war die Mauer, und unmittelbar daneben grenzten die Krakauersemmeln. Und auf der anderen Seite schrien die ganze Nacht meine Eltern miteinander. Und konnten sich nicht einigen, wer von ihnen schuld war, dass ich so missriet.

  Und wenn im Hof der Vater und ich allein uns trafen, dann schaute er mir tief in die Augen und sagte nur diesen einen Satz. Immer und immer nur diesen Satz, wonach ich ein lieber Schneck eben sei. Ich habe das gar nicht erwogen, habe dann aber nie große Lust zum Schneckenessen entwickelt. Aber nun weiß ich, wenn zwei sich begegnen und sich auch nur ihre Augen gegenseitig streifen, sie wissen alles, denn es sind vier: Die zwei Unbewusstheiten und die zwei Bewusstheiten erfassen einander, tauschen alles aus. Wissen alles. Er hat also sicher erfasst, dass ich langsam in ihn und die Struktur, in die ich geboren wurde, kröche. Mit Schleim und Haus wie ein Schneck. Dort säße ich dann, zöge mich in mein Haus zurück.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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