VOM GRILL

Toter Eisvogel

Steiermark Stadtleben | aus FALTER 15/05 vom 13.04.2005

Welch seltsame Gleichzeitigkeit: Im Radio höre ich, wie der neue Roman des Bachmann-Preisträgers Uwe Tellkamp vorgestellt wird. Er heißt "Der Eisvogel". Zugleich ruft ein Freund an, der immer anruft, sobald jemand stirbt. "Das Eisvogel ist nicht mehr", sagt er gefroren.

  Das war das schmuddlige Café in der Annenstraße, die ihrerseits bereits seit Jahren grässlich vor sich hin stirbt. Man wird sehen, was nun in das düstere Lokal mit den kuriosen Fresken hineinkommt - eine Modeboutique, auf deren Fenster nach zwei Wochen wieder "Zu vermieten" steht? Ein neues Kebab-Beisel, zu den zwei Dutzend, die es in der Gegend bereits gibt? Oder eines jener bizarren Läden, wo Kaffeehäferl, Reizwäsche und Maschinengewehre aus Plastik offeriert werden?

  Das Eisvogel mit seiner unverhohlenen Aura gestandener Illusionslosigkeit war ein Stammlokal Franz Innerhofers. Peter, der Wirt, ließ den Dichter bei Bedarf im Hinterzimmer seinen Rausch ausschlafen. Bedarf war gar nicht selten. Deshalb kommt er in Frank Tichys Innerhofer-Biografie als feiner Kerl vor, und so gehört sich das auch. Das Eisvogel war ein Lokal, in das man öfter hatte gehen wollen. Aber es war dann wie mit einer Ausstellung, in die man so lang "spätestens nächste Woche" geht, bis es zu spät ist. Man fühlt sich nun an diesem traurigen Dahinscheiden nicht ganz schuldlos.


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