VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 16/05 vom 20.04.2005

Oft erstaunt die Fülle der Möglichkeiten. Was man aus so einem alten Falter alles herausklauben kann! Nehmen wir diesmal eine Doppelseite, die sich einem heuer etwas vernachlässigten Jubiläum widmete, dem 100. Geburtstag des ungarischen Ästhetikers, Philosophen und Kommunisten Georg Lukács. Auf der einen Seite lieferte Reinhard Pitsch eine schwärmerische Eloge, eingeleitet von einem Rilke-Gedicht. Auf der anderen Seite erinnerte sich der exilierte ungarische Schriftsteller György Sebestyén an seine frühen Budapester Jahre mit Lukács und anderen. "Am ersten Tag des Semesters verliebte ich mich in Yvette. Wir waren gleich alt, schwärmten für Bauernbarock und Marcel Proust, waren Aktivisten, ja Veteranen der kommunistischen Jugendbewegung. (...) Wir hatten beide Literatur, Philosophie und Soziologie inskribiert und saßen im Hörsaal, wenn es sich einrichten ließ, Seite an Seite.

  Lukács kam mit einer Verspätung von gut fünfzehn Minuten. Er stand im dreiundsechzigsten Lebensjahr und machte auf uns Achtzehnjährige den Eindruck eines lebhaften, von seinem Wissen besessenen Greises ..." Sebestyén schildert Lukács Unterrichtsprogramm, Literatur als Instrument kommunistischer Politik, für bürgerlich-humanistische Differenzierung, gegen die Agitation des Proletkult. "Nicht Brecht war wichtig, sondern Thomas Mann."

  Sebestyén berichtet auch von einem Verdacht, der den Studenten kam. "Dieser scharfsinnige Denker, dieser Mensch universeller Bildung, dieser gütige, liebenswerte, hilfsbereite Mann hat - vielleicht, vielleicht - kein Auge für Form und Farbe, kein Ohr für Klang und Rhythmus, keine Nase für die rationell kaum fassbaren Qualitäten des Talents." Sebestyén schließt mit der Bemerkung, dass Lukács' Persönlichkeit stärker wirkte als seine Lehre. Im Übrigen: "Lukács ist tot. Yvette lebt in Australien. Ich bin in Wien damit beschäftigt, diese Erinnerungen zu Papier zu bringen. Wir schweben dahin." A.T.


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