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Brillanter Schmäh

Politik | aus FALTER 16/05 vom 20.04.2005

Jetzt wird es ernst. Seit Jörg Haider als BZÖ-Chef auftritt, trägt er in der Öffentlichkeit eine Brille. Ein filigranes Modell in Silber, rahmenlos wie eine Lesebrille. Je größer das Chaos, desto seriöser der Sehbehelf?

  "Haider unterstützt seine Neupositionierung mit einem neuen Styling", sagt der Politikberater Manfred Scheucher: "Ein Hooligan trägt halt keine Brille." Der Kärntner Landeshauptmann hat sich das von echten Staatsmännern abgeschaut. Bill Clinton ließ sich nächtens im Oval Office ablichten. Die Message: Während das ganze Land schläft, wacht der Präsident mit goldener Lesebrille über die USA. Der deutsche Kanzler Gerd Schröder, sonst oft eitel oben ohne unterwegs, griff nach der Tsunami-Katastrophe und am sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ins Etui, um dem Ernst der Lage gerecht zu werden.

  Auch Bruno Kreisky spielte schon mit seinen Augengläsern. Beim Fernsehduell in den Siebzigern machte er Josef Taus wahnsinnig: Brille auf, Brille ab. Bei jedem Angriff deutete der rote Kanzler mit dem dicken Bügel seiner Hornbrille auf den ÖVP-Obmann: "Sie, Herr Doktor Taus ...!" Als es Taus wagte, mit dem Finger auf Kreisky zu zeigen, fauchte ihn dieser an: "Lassen Sie das!" Gerd Bacher, als er gerade einmal nicht ORF-Chef war, exportierte den Brillenschmäh Anfang der Achtziger nach Deutschland. Er riet dem Oppositionspolitiker Helmut Kohl, sein konservatives Image damit zu verstärken - 1982 wurde er Kanzler.

  Apparatischks verpassen sich hingegen gerne bunte Brillen, um flotter rüberzukommen. Besonders modern war das zu Zeiten der großen Koalition. Wolfgang Schüssel, damals Wirtschaftsminister, oder Hannes Swoboda, Planungsstadtrat, setzten sich riesige rote Plastikgestelle auf die Nase. Devise: Je öder das Ressort, desto flippiger die Brille. Heute trägt Schüssel längst das Modell Staatsmann.


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