VOM GRILL

Ein Nachweiner

Steiermark Stadtleben | aus FALTER 18/05 vom 04.05.2005

Was seid ihr Österreicher für ein komisches Volk!", blaffte mich Christoph Schlingensief bei einer Zecherei in der Bar von Manfred einst an. Der war gerade mit der Fabrikation seines Spezialgetränks befasst. "Wenn bei euch ein Schauspieler stirbt, ist das garantiert die Topmeldung in den Nachrichten." Dann wollte er mich reizen, wie es seine Art ist, und knurrte: "Der Rest der Welt ist euch scheißegal, ha?"

  Seine Bewunderung für unser Land war also grenzenlos. Ich senkte nur gnädig die Augenlider, sagte: "Mach dir nicht ins Hemd vor lauter Neid!" Und bestellte noch eine Runde. So geht Leben.

  Neulich ist Maria Schell gestorben, die Schauspielerin von einst. Die Schöne, die Gute, die mit dieser Maria-Schell-Stimme; Samt und Sünde und warme Schulter, Geheimnis und Frau. Das war natürlich eine Topmeldung. Wir können nämlich bewundern, auch wenn wir das Objekt der Verehrung gar nicht mehr recht kennen. Maria Schell war steinalt, und es ist ihr nicht gut gegangen zum Schluss in ihrer Kärntner Einschicht. Jetzt ist sie tot und hat Platz in unseren Herzkammern.

  "Erinnerungen sind das Wichtigste im Leben", hat sie in einem ihrer letzten Interviews gesagt. Sie hat Recht. Darauf Manfreds Spezialgetränk! Man soll so intensiv und mit so weit ausgebreiteten Armen leben, dass die Erinnerungen nachher keinen Raum lassen für Versäumtes.


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