PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Verliere den Überblick

Stadtleben | aus FALTER 20/05 vom 18.05.2005

... Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde ... Er sagte: Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr, dann zieh doch, mein Herr, mit uns. Es ist zwar ein störrisches Volk, doch vergib uns ...

Ex 34,4b,5-6.8-9 (1. Lesung am Dreifaltigkeitssonntag eines Lesejahres A)

Alle drei sah ich an einem runden Tisch sitzen, die Roten, die Schwarzen, den Kardinal. Und der Nachrichtensprecher teilte mit, dass die sich geeinigt hätten, und ab nun keine Zweidrittelmehrheit in Schulfragen mehr notwendig sei. Und dann war ich zwei, drei Tage in Agonie, dann drehte ich wieder einmal die Nachrichten auf, und die Verfassungsjuristen vertraten die Ansicht, dass diese Formulierung unglücklich sei, die Linken von den zwei Schwarzen über den Tisch gezogen worden wären, und nun alles sehr unglücklich wäre, weil sie sicher die Höchstgerichte anrufen müssten, wenn sie darüber Klarheit haben wollten, was die Schule nun dürfe.

  Ich kann seit fünf Jahren schon keinen "Predigtdienst" mehr lesen, ja nicht einmal mehr realisieren, wie viel Textmenge ich Woche für Woche produziere, weil ich in der Sekunde, wo ich das Gefühl habe, er sei geschrieben, ihn sofort an die Redaktion versende. Im Spiegel, Hamburg, verlässt ein Reporty das Hochhaus, zieht Monate durch das Land, kehrt zurück mit einem Haufen, dort sitzt beheizt ein Schreiby, das wartet. Und kommt das Reporty, schildert es diesem Schreiby, wie es im Lande gehe, und was es erlebte, und dieses setzt sich an den Computer und dichtet das Erlebte um. Dann geht es in einen Textverendgültigendenprozess, wo es zwischen Reporty, Schreiby, Texterfassy und Redakty hin und her geht, wie die wilde Jagd, und alle flechten ein, bis alle schwören, nun seien sie glücklich. Dann erst geht es in Druck. Drum steht unter einem Spiegel-Text auch niemals ein Name, weil fast eine ganze Autobusladung voll kompetentester, bezahltester und weisester Leute den Artikel bedachte und so lange verbesserte.

  Es gibt so Tage, da möchtest du so klein werden, vor deinem Hochmut, 13 Jahre predigtzudienen, ohne einen einzigen Anruf zu tätigen. Eine Milliarde Nichtrecherchen. Das straft dich so vieler Lügen tagtäglich. Du legst dich auf den Boden, schmiegst dich von Materie zu Materie, weinst.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige