Kartografie der Gefühle

Kultur | GERHARD MIDDING | aus FALTER 25/05 vom 22.06.2005

FILM In zwanzig Jahren hat Léos Carax, dem die Viennale nun eine Personale widmet, nur vier Filme gedreht. Sie handeln von einer Liebe, die sich selbst zu genügen scheint - und von der Liebe zu Paris. 

Es mutet wie eine Zeremonie, ein verschwiegenes Ritual an, als Alex nachts bei seiner Heimkehr den Bilderrahmen von der Wand nimmt. Darunter verbirgt sich ein eigenhändig gemalter Stadtplan von Paris. In den verschiedenen Arrondissement hat er die Wegmarken seines Lebens eingezeichnet. Er hat den Ort festgehalten, an dem er seinen ersten Kuss bekam, den ersten Ladendiebstahl beging, und markiert, wie er auf dem Pont-Neuf seine Geliebte zum ersten Mal belog. In dieser Nacht trägt er seinen ersten Mordversuch am Ufer der Seine ein.

  Die Chronistenpflicht gegenüber der eigenen Biografie beschränkt sich jeweils auf das erste Mal, die Wiederholung einer Erfahrung scheint für Alex nicht mehr zu zählen. Diese geheime Kartografie der Gefühle und Affekte offenbart sich in Léos Carax'


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