PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Sommertext "Bodenlos glücklich"

Stadtleben | aus FALTER 26/05 vom 29.06.2005

Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast ...

Mt 11,25 - 30 (Evangelium am 14. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

Ohne soziale Situation sitze ich mittellos daheim, und es stellt sich eine Seligkeit ein. Du bist allein, du musst nichts mehr. Allen, die anrufen, kannst du sagen, du hast nichts mehr, du kannst nicht mehr. Und du machst auch die Anrufenden glücklich, weil sie intuitiv spüren, du lügst sie nicht an. Und du wächst in ein komisches Glück hinein. Das extrem wenige Geld bringst du in den Supermarkt. Noname-Schokolade um 25 Cent. Leberwurst um 69 Cent. Längst keine Enzian-Eckerln mehr. Im Alter, esse ich Alphorn-Eckerln um 99 Cent. Wenn die Sonne aufgeht, schleiche ich zum Supermarkt. Dann frühstücke ich, dann mache ich ein Frühstücksschläfchen. Und wenn niemand anruft, nenne ich das einen erfolgreichen Tag. Wenn ich keinen Termin habe, komme ich mit dem Geld aus, das ich dividiere wie Einstein. Muss ich niemanden treffen, sondern kann nach jedem Esschen schläfchen. Erfüllt mich ein Nichts, als gäbe es Göttchen. Die Gasetagenheizung heizt, die Sonne scheint. Die Post bräuchte nichts bringen.

  Ich predigtdiene das niemand. Ich apportiere es nur von Aspekten meiner Wirklichkeit. Was es fassen kann, das fasse es, und mache ein Schläfchen. Ich saß auf einer Straße mit Bäumen. Siebenjährige, 14-jährige und 28-jährige Bäume standen in einer Reihe auf der Straße. Die siebenjährigen strebten unbekümmert schnurgerade hinauf. Die 14-jährigen hatten Panikattacken und beugten sich von den Häusern weg. Sie dachten voller Sorgen an ihre nachfolgenden Äste und bereiteten, indem sie sich von den Mauern der Häuser wegbeugten, ihren künftigen Ästen Raum. Und die dreißigjährigen hatten aufatmen gelernt, dass die, die sie pflanzten, ausreichend Platz zwischen ihnen und den Häusern bereitet hatten. Und standen majestätisch gerade und trugen ihre Äste. Und alle gaben mir Schatten. Ich selber werde nie einen Baum setzen. Diesen Schmerz muss ich noch verkraften im nächsten Schläfchen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist unter www.falter.at zu abonieren.


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