La carmencita

Steiermark Kultur | DAGMAR EBERHARDT | aus FALTER 26/05 vom 29.06.2005

KUNST Die Carmen-Ausstellung im Grazer Joanneum versucht einen Mythos zu dekonstruieren. 

Die Sommerschau "Blicke auf Carmen" mit Werken von Goya, Courbet, Manet, Nadar, Picasso und vielen anderen im Joanneum wirft einen multimedialen Blick auf den Exotismus des 19. Jahrhunderts. In der rein fiktiven Frauenfigur Carmen, hervorgegangen aus einer Novelle Prosper Mérimées (1845), fand die Espangnolade, das idealisierte spanische Credo Frankreichs, einen Ausdruck für alles Andersartige. Und im Dandymileu der Pariser Salonmalerei fanden die Wünsche nach einer Fiesta des Lebens oft ihren künstlerischen Ausdruck. Bei den gezeigten druckgrafischen Werken von Picasso werden Carmen und Corrida mythologisiert ("Minotauromachia", 1935). Das Leitkonzept der Schau, eine Art Enthybridisierung, mündet letztlich in die Gegenüberstellung der romantisch-wilden Spanierin Claudio Coello (1642-1693) mit dem zeitgenössischen Werk von Aura Rosenberg in einer Suche nach Identität. Der Blick auf die Videoinstallation "L'homme mort" (nach Manets "Der tote Toreador") von Anne Sauser-Hall bestätigt die Polarisierung, aber auch die Unmöglichkeit einer Symbiose, es sei denn über den Tod - zur Verklärung hochgeschaukelt.

  Es war die Absicht der Kuratorin Verena Formanek, einen heutigen Blick auf einen vermeintlich die Moderne konstituierenden Mythos zu werfen, also kein Rückblick. Die Integration von inszenierter Fotografie der Roma - in Parallelität zur Entstehung des Impressionismus zu denken - soll ein sozialkritisches Hinterfragen anregen, bleibt aber im dargebotenen Kontext innerhalb einer kulturellen Pflichtübung stecken.


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