VOM GRILL

Unter Grund

Steiermark Stadtleben | aus FALTER 27/05 vom 06.07.2005

Wie macht man Vertrautes - wie zum Beispiel Graz - exotisch und geheimnisvoll? Die Häuser höher, die Viertel und Winkel zum Ambiente kafkaesker Stimmungen und seltsamer Schatten? Indem man den Blickwinkel ändert? In Büchners "Lenz" bedauert der Held, dass er beim Weg durchs Gebirge nicht auf dem Kopf gehen kann. Der fällt mir jährlich ein, sobald der Mühlgang ausgelassen wird ...

  Ich wandere durch sein trocken-glitschiges Bachbett, diese bizarre Piste, drei Meter tiefer als sonst. Sie zieht sich zwölf Kilometer durch die Stadt, begleitet Gassen und Gärten, quert Parks, verschwindet unter Häusern, Straßen, Kreuzungen. Früher betrieb der Kanal Mühlen und Kraftwerke, es wurde darin gebadet, Wäsche gewaschen. Jetzt ist er Mülldeponie: das Klatschen durch die Höfe, wenn im hohen Bogen Abfall durch die Fenster gesegelt kommt.

  Einmal im Jahr sieht man Kühlschränke im Bachbett, Mopeds, alte Rasenmäher, Fahrräder, Einkaufswagerln von Supermärkten, Schuhe. Als hätte sich unter Wasser, in den düsteren Gewölben, zwischen schimmeligen Pfosten und Ratten, ein eigenes Leben abgespielt, parallel zu jenem da oben, zu unserem.

  Tage später, wieder wasserdurchströmt und im Glitzern der Sonne, erscheint der Mühlgang in einem anderen Licht. Ungefähr so, als hätte man einst in einem vergessenen Schwarz-Weiß-Film gemeinsam statiert.


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