Der blinde Fleck

Special | WOLFGANG KRALICEK | aus FALTER 27/05 vom 06.07.2005

JAN RITSEMA & SANDY WILLIAMS Ein Theaterintellektueller und ein Tänzer versuchen Denken sinnlich zu machen. 

Die Karriere des Tänzers Jan Ritsema verlief ungewöhnlich. Sie begann 1995, als der niederländische Regisseur fünfzig Jahre alt war. "Pour la fin du temps" hieß das Solo, ein Streichquartett spielte dazu Musik von Berg, Webern, Ives und Bach. Vor vier Jahren dann hat Ritsema gemeinsam mit dem britischen Tänzer/Choreografen Jonathan Burrows das Duett "Weak Dance Strong Questions" erarbeitet, das 2002 bei ImPulsTanz gezeigt wurde.

  Schwacher Tanz, starke Fragen: Ein ähnliches Programm ist auch von Ritsemas neuem Stück"Blindspot" zu erwarten, das er gemeinsam mit dem kanadischen Tänzer Sandy Williams heuer präsentiert. Denn natürlich ist Ritsema kein Tänzer, nicht einmal ein Schauspieler. Er ist ein Theaterintellektueller, der seit einiger Zeit von der Idee besessen ist, den Diskurs tanzen zu lassen. Bei den Wiener Festwochen hat Ritsema in den vergangenen Jahren zwei Inszenierungen gezeigt: In "Wittgenstein Incorporated" konnte man dem Schauspieler Ulrich Mühe in einem Monolog beim Denken zusehen; in "Pipelines, a construction" diskutierte Ritsema mit der serbischen Künstlerin Bojana Cvejic´, einer Tänzerin und einem Schauspieler über Globalisierungsauswüchse rund um den Aralsee.

Ritsema und Williams geht es in "Blindspot" um den "blinden Fleck" jeder Performance: den Körper des Zuschauers. Inwiefern nimmt man sich beim Betrachten einer Aufführung wahr? Sachdienliche Hinweise liefern unter anderem Leonard Cohens Song "Suzanne" (Zitat: "She's touched your perfect body with her mind") und der Philosoph Niklas Luhmann. Tanz die Systemtheorie! Auf die Idee konnte wirklich nur Jan Ritsema kommen. "Blindspot": 6.8., 19 Uhr, Arsenal (Burgtheater-Probebühnen).


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