Zeig der Welt die Zunge

Kultur | ERICH KLEIN | aus FALTER 28/05 vom 13.07.2005

LITERATUR Verängstigtes Kind, Don Juan, Theoretiker der Macht und Unsterblichkeitsfanatiker: Vor hundert Jahren wurde der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti geboren. Ein Rückblick. 

Seine früheste Erinnerung war in Rot getaucht: Der am 25. Juli 1905 im bulgarischen Rutschuk, am Unterlauf der Donau, in eine sephardisch-jüdische Familie geborene Elias Canetti ist gerade zwei Jahre alt. Die Kaufmannsfamilie verbringt ihren Urlaub gutbürgerlich in Karlsbad, standesgemäß wird das Kind von einem Dienstmädchen betreut, dessen Verehrer mit einem Taschenmesser in der Hand scherzte: "Zeig die Zunge, ich schneide sie ab."

  Der nicht näher erklärte Triumph des Kindes über die überstandene Drohung gab dem ersten Band der ab den Siebzigerjahren entstehenden dreibändigen Autobiografie den Titel: "Die gerettete Zunge". Zudem versammelt das Bild zentrale Motive aus Canettis Gesamtwerk. In einer bewusst konventionellen, fast klassizistischen Sprache werden Sinnlichkeit, Angst, Bürgerwelt


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