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Hungerast

Stadtleben | aus FALTER 30/05 vom 27.07.2005

Das Wort ist in aller Munde, und doch kennen die meisten von uns das Phänomen nur vom Hörensagen. Ausdauersportler kennen die Symptome der Hypoglycämie, das Absinken des Blutzuckerspiegels schon besser. Radprofis wie Jan Ullrich haut es, wenn sie beim Radeln aufs Essen vergessen, förmlich von der Rennmaschine, wenn der Hungerast zuschlägt, wie Thors Hammer. Die Folge der Minderversorgung des Gehirns mit energiereicher Glucose sind bleierne Müdigkeit, Schwäche und gestörte Bewegungskoordination. Gut, so viel wussten wir schon, wenn wir die Tour de France im Fernsehen verfolgten. Woher der Ausdruck "Ast" für die ultimative Unterversorgung kommt, wissen aber weder Sportreporter noch Lexika. Möglich, dass der Hunger-Ast eine Verballhornung von Hunger-Rast ist. Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Auch wenn der böse Unterzucker tatsächlich genuin Hungerast hieße, wieso gibt es bei anderen Mängeln keine dicken Zweige? Wieso gibt es keinen Wollustast? Wieso keinen Johnny-Filter-Ast? Weil Ausdauersprofis oft mit einem Fuß im Verbotenen sporteln und in ihrem Umfeld das konsequente Experimentieren mit leistungssteigernder Chemie zum Tagesgeschäft gehört. Eine Szene, die gemeinhin nicht so sehr am Sport interessiert ist als an der Einnahme unerlaubter Substanzen, kennt den Ausdruck "Kracher". Der Kracher ist nichts anderes als der Entzug. Der Hungerast der Radsportler ist offenbar der einzige krachende Ast, von dem wir Unbedarfte wissen sollen.

dusl@falter.at


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