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Recht auf Hässlichkeit?

Steiermark Stadtleben | aus FALTER 31/05 vom 03.08.2005

Wieder Wirbel um die Bettelei in Graz: Da sitzt eine Bulgarin in der Herrengasse neben ihrem Rollstuhl auf dem Boden und zittert so, dass es den Leuten graust. Die finden's ein grässliches und menschenunwürdiges Schauspiel und rufen nach Polizei, Rettung und den Medien. Dieses Trauerspiel gehöre abgestellt. Geht nicht. Solange die Frau andere und sich selbst nicht gefährdet und niemanden belästigt, kann sie sitzen, wo sie will, zittern, wie sie will, und exakt so aussehen, wie ihr Gott sie haben will.

  Wir ertragen Hässlichkeit immer weniger, irgendwie gehört es sich nicht, hässlich zu sein. In diesem Sinne agierte ein deutscher Mediendienst und manipulierte das Foto der winkenden Angela Merkel: Der Schweißfleck unter ihrer Achsel wurde wegretuschiert. Eine deutsche Kandidatin schwitzt nicht. Die Arme darf unter den Armen nicht einmal transpirieren.

  Mit Schaudern und Scham erinnere ich mich an einen bettelnden zehnjährigen Blinden, der mich einst in Ljubljana förmlich ansprang und dabei mit den Fingern sein Augenlid hochriss: Er führte eine rote, rohe Augenhöhle vor. Das Konzept, auf die Art seine Bezüge zu erhöhen, ging aber nicht auf. Von Entsetzen gepackt, rannte ich einfach weg.

  Rennen wir demnächst auch vor Frau Merkels Schweißfleck davon?

  Was ist die Moral dieser Glosse? Um es simpel zu sagen: Die Welt ist alles, was der Fall ist.


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