PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Peer Kusmagk

Stadtleben | aus FALTER 31/05 vom 03.08.2005

... Als [Petrus] aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. ... Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Mt 14,22-33 (Evangelium am 19. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

So viele Jahre sind vergangen, und es ist auch bloß jetzt. Wie immer bloß jetzt war, wenn ich mich frug. Die Katze, die ich voriges Jahr hütete beispielsweise, wird sich nicht mehr erinnern an mich. Sie hatte ganz am Ende ihres Schwanzes einen blütenweißen Punkt. Von dem wusste sie nichts. Auch ich wusste nichts von ihm, hätte McGoohan, als ich abreiste, mich nicht darauf hingewiesen. Ich hütete die Katze einen Monat lang, ohne den weißen Punkt am Ende der Katze zu sehen. Und nun denke ich ununterbrochen an den weißen Punkt am Ende der Katze. Ganz wenig Punkte bleiben dir haften. Am Fahrradsitz meiner Mama bin ich als Dreijähriger circa gesessen, als sie mich den ersten der drei Hügel hinaufschob und plötzlich entdeckte, dass vom Kakao etwas haften blieb um meinen Mund herum, und sie spuckte in ihr Taschentuch ganz wenig See, um den Kakaobart mir abzuwischen. Das ist vielleicht meine allerweitest zurückreichende Erinnerung. Ich war dagegen.

  Wenn dir der Herr also sagt, zage und zweifle nicht, ist es schon zu spät. Denn selbst wenn ich als Dreijähriger einen Kakaobart trage, würde ich, vor die Entscheidung gestellt, ihn zu belassen oder zu lassen, ein Gefühl gegen ihn kriegen. Der Herr kann also nicht allwissend sein, wenn er den heilige Apostel Petrus rügt, gezweifelt zu haben. Petrus konnte nur so lange nicht untergehen, solange er nicht wusste, auf dem See zu gehen.

  Zumal der "heftige Wind" sich legte, als Jesus und Petrus im Boot Platz genommen hatten. Das heißt, der Herr ließ den Wind den Petrus versuchen. Genügte es also Jesus nicht, Petrus in aller Ruhe über das Wasser gehen zu sehen? Das wäre doch für Petrus an Selbstvergessenheit bereits groß! In dem Moment, wo der Herr den Petrus aber auch noch vorwirft zu zweifeln, ist es doch für die ganze Lebenszeit Petri unmöglich, auf Seen zu gehen. Und tatsächlich wird später auch nie mehr von großen selbstvergessenen Spaziergängen berichtet. Auch ich bin nicht reinlich geworden.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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