STREIFENWEISE

Kultur | DREHLI ROBNIK, MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 32/05 vom 10.08.2005

Wie viel Angst muss eine Medienkultur mit eingebautem Nationalstaat davor haben, als fad zu gelten, damit sie so etwas hervorbringt? Es geht um Deutschland und Christian Alvarts Schocker "Antikörper". Die Bundesrepublik, hier erscheint sie nicht farblos, schlapp und reflexiv, sondern strotzt vor Signifikanz. Das Land hat Ideen - Lustmordfantasien, Regieeinfälle im Überfluss und Spargedanken beim Plot: Anstatt von "Se7en" oder "Silence of the Lambs" abzukupfern, recycelt "Antikörper" gleich beide, bietet Infektion durch das Böse und Blick in den Seelenabgrund. Dauerschmierende Charakterköpfe (wie die bewährte Nazifratze von André Hennicke als Serienmörder Gabriel Engel) reden viel von "Ficken", "Wichsen" und Religion. Ist ja obszönst! Auch unsereins kann manchmal ganz schön fundamental sein: Dann beichtet der Dorfbulle und Familienvater, dass die Lippe bebt, und haut sich Heftklammern in den Arm, zur Strafe für eine Nacht mit Nina Proll. Kein Zweifel: Der Nachbar will eine christliche Regierung.

  Apropos Antikörper: Um einen solchen geht es auch im neuen (und bisher mutigsten) Spielfilm von "Nenette et Boni"-Regisseurin Claire Denis: Im Zentrum der geheimnisvoll verschlungenen Erzählung von "L'Intrus" ("Der Eindringling") steht die Transplantation eines nach einem Mord geraubten Herzens, das der Körper des neuen Trägers wieder abzustoßen versucht. Obwohl auch "L'Intrus" passagenweise mit Thrillerelementen spielt, ist Denis' Arbeit vom Genre her kaum einzuordnen. Man verliert sich in einer elliptischen Erzählung so wie sich das Ensemble (der herzkranke Michel Subor, Filmsohn Grégoire Colin oder die pelzbekleidete Hundeschlittenführerin Béatrice Dalle) im stets halbdunklen Dickicht des Grenzwaldes zwischen Frankreich und der Schweiz verliert. Ein Fiebertraum, eine Nahtodfantasie, ein alle Sinne in Vibration versetzendes Meisterwerk. Am 11.8. im Kino unter Sternen.


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