AUFGELEGT

Kultur | NICOLE STREITLER | aus FALTER 32/05 vom 10.08.2005

Die Stimme ist das Sinequanon des Hörbuchs. Viele Verlage holen sich deshalb bedeutende oder nur bekannte Schauspieler an Bord, um Texte bekannter oder weniger bekannter Autoren einzuspielen. Den Mercedes unter den Hörbüchern stellen aber zweifellos die so genannten O-Töne dar. Zur Lust am Text gesellt sich dabei beim Hörer noch die Lust an der (historischen) Autorenstimme.

  "Die Stimmen von Marrakesch" (1978), gelesen von Elias Canetti, ist ein solcher Mercedes. Überraschend hoch das Timbre des Autors, weich und doch scharf wie sein Vorbild Karl Kraus, Altwienerisch mit englischen Einsprengseln. Der "Ohrenzeuge" Canetti ist ein blendender Stimmenimitator: Einen arabischen Kamelhändler gibt er ebenso gut wie einen kleinen jüdischen Jungen in einer Thoraschule. Analytisch im Stile von "Masse und Macht" die Beschreibung der "Suks", in der Canetti die westliche "Preismoral" der arabischen Händlermentalität kontrastiert: "In den Suks [...] ist der zuerst genannte Preis ein unbegreifliches


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