VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 35/05 vom 31.08.2005

Zu den weniger beachteten Jahrestagen der letzten Zeit gehörte der zwanzigste Todestag Heinrich Bölls, jenes katholischen (und später aus der Kirche ausgetretenen) deutschen Schriftstellers, der das literarische Antlitz der Bonner Bundesrepublik mindestens ebenso sehr prägte wie sein sozialdemokratischer Widerpart Günter Grass; Böll erhielt den Nobelpreis 1972, Grass erst 1999. Vor zwanzig Jahren, am 16. Juli 1985, war Böll gestorben, und der Falter brachte wenig später einen Text des jungen, in Hamburg lebenden Österreichers Peter Glaser, der bei aller "Zeitgeistigkeit" gerade aus der Distanz einen respektvollen Nachruf auf Böll zusammenbrachte.

  Glaser erzählte, wie er einmal selbst mit Böll, dessen Texte er nicht besonders mochte ("langweilig. Vielmehr: unjung. Poplos. Ohne Sound, oft schwunglos betrübt oder lesebuchmäßig"), in Berührung kam. Immerhin publizierten beide beim gleichen Verlag, bei Kiepenheuer und Witsch. Dort gab Glaser eine Anthologie heraus, in der der Provokateur Rainald Goetz den Nobelpreisträger mit den Worten "und der präsenile Peinsack Heinrich Böll" erwähnte. Der Verlag wollte das nicht drucken.

  Glaser: "Rainald wetterte telefonisch aus New York Zensur, der Verleger war immer noch dagegen, und ich schlug vor, den Adressaten des Nebensatzes, Herrn Böll nämlich, doch selbst nach seiner Meinung zu dem Satz zu fragen. Nun wurde vakant (sic!, A.T.), dass ich eventuell von Hamburg nach Köln reisen sollte, um darüber mit Herrn Böll und dem Verleger zu sprechen. Das wäre eine kuriose Dienstfahrt geworden. Und dann ereigneten sich zwei Dinge am selben Tag: Rainald erklärte seine Loyalität für die Anthologie durch die Bereitschaft, die Worte Heinrich Böll durch das Wort Dings zu ersetzen, und Böll, der den Text schon lange kannte, zeigte seine Größe in der Verbesserung des Nebensatzes, der sachlich nicht richtig sei: ,Ich bin nicht präsenil, sondern senil.'" A.T.


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