Fragen Sie Frau Andrea

Salzgriesisch

Stadtleben | aus FALTER 37/05 vom 14.09.2005

Liebe Frau Andrea,

dunkel erinnere ich mich, einmal über eine Sprache gelesen zu haben, die sich "Falter"- und "profil"-Redakteure ausgedacht haben, um im Café ungestört miteinander zu kommunizieren. Eine Art Wiener Journo-Cockney, wenn man so will. Wissen Sie da was drüber?

Sophie Reinelt, Passau

Liebe Sophie,

diese "Sprache" gab es tatsächlich. Sie hieß "Salzgriesisch" und wurde nahezu ausschließlich im Café Salzgries in der Marc-Aurel-Straße gesprochen. In dieser Straße hat nicht nur der Falter seine Adresse, auch das profil war im Prefellnericum dort zu Hause. Salzgriesisch beschäftigte sich im Wesentlichen damit, die Vorgänge im Café, die Namen von Speisen, Getränken und bestimmten Gästen in poetisch hochstehende neue Wort- und Satzgefüge zu überführen. Die Speisekarte hieß "Fahrplan", Münzen waren "Eisenscheine", Coca-Cola hieß "Kinderfernet", Melange "Schneekoppe", Lasagne war "Fleisch-Ildefonso", Suppen firmierten unter "Fleischtee", oder "Knochenbad" und Spinat war schlicht "die heiße Wiese". Doyen des Salzgriesisch war der legendäre Kellner Herr Peter (Färber), salzgriesisch "Perr Heter" genannt. Stammgäste hatten so seltsame Namen wie "der Bunte", "der kalte Umschlag", "die sterbende Frau", "der lebende Vorwurf", "Pinselschwinger", "Pyramidenputzer", "Pocahontas", "Noriega" oder "Jean Gabin". Das Salzgriesisch ist mit dem Umbau des Café Salzgries in das französische Edelbistro Le Salzgries untergegangen.

dusl@falter.at


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