PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Oh flösse doch das Überraschen!

Stadtleben | aus FALTER 37/05 vom 14.09.2005

... Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs: ... zahl ihnen den Lohn aus ... diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, ... ich will den Letzten ebenso viel geben wie dir ...

Mt 20,1-16 (Evangelium am 25. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

Ich habe in meinem Leben noch nie wen getroffen, also real lebende, zeitgenössische Menschen, die am Leben waren bzw. sind, denen ich tatsächlich glauben konnte, dass meine Ichkontinuität nach meinem Ableben dann zu fröhlichen Urständen anheben würde, in meinem Fall also eigentlich erst richtig begänne, in irgendeinem Jenseits.

  Ich rede nicht von bornierten Leuten, wo du sofort spürst, die bildeten sich irgendwann etwas ein und blieben dabei. Ich rede von Leuten, denen ich schon begegnete in einer vollkommenen Selbstlosigkeit, wo das Wohltun und die Wohltätigkeit im Mittelpunkt ihrer ganz festen Entschlossenheit stand und wo ich das schon absolut glaubhaft verspürte. Bei wenigen, aber bei einigen. Auf der Mauer, wo ich wohne, hat vor circa zwei Jahren eine offenbar mich über und über liebende Persönlichkeit hingesprayt "Moar flod Jeans!" Seither weiß ich, es gibt da noch wen!

  Ich habe noch nie wem was Böses tun wollen zur Absicht, zu Fleiß! Und wenn mir was Böses widerfährt, kann ich es nicht fassen, brauche so lange, bis ich begreife, daran glauben zu müssen. Und wenn von "Gutmenschen" die Rede ist, falle ich aus allen Wolken und begreife nicht, was diese, als auch jene, die sie benennen, antreibt. Also was wäre das Gegenteil von verzeihen?

  Wenn eine Stadt tiefer liegt als das Meer, dann hab ich als kriegführende und raumfahrende Nation die Pflicht, einen Ozeanfroster vorher zu suchen, bevor ich mich daranmache, die Bedrohung von Meteoriten und Irakern hintanzuhalten. Mir persönlich hat ja gar niemand gesagt, dass New Orleans tiefer liegt als das Meer. Retz liegt ja weit über dem Meer. Und es ist gar kein Meer weit und breit. Nur ein Bahnhof liegt in Retz, und auf der Tafel steht, wie hoch Retz liegt. Ich wette, Bush hat keine Tafel in New Orleans am Bahnhof anbringen lassen, so aus schönstem Messing, wo oben stand, "sie liegen nun sechs Meter minus", bevor er den Krieg im Irak begann.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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