PHETTBERGS PREDIGTDIENST (Nr. 678)

Ich bin mir nicht gescheit genug

Stadtleben | aus FALTER 39/05 vom 28.09.2005

... Als nun die Erntezeit kam, schickte [der Gutsbesitzer] seine Knechte ..., um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen ...

Mt 21,33-44 (Evangelium am 27. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

d Mir fällt nichts ein, was der Welt fehlte und ihr durch mich hinzugefügt werden könnte. Es genügt also nicht, durch die Lande zu ziehen, um überall auszurufen, ich sei mir nicht gescheit genug. Du bräuchtest zumindest eine Persönlichkeit als Heroldy, die vor dir herzöge und ausriefe, nun kommt der, der sich nicht gescheit genug ist. Natürlich, gäbe es so einen Menschen, der mein stockendes Wesen inniglichst bejubelte und darin glühte, wie Sancho Pansa seinen Don Quichotte, dann könnte so was auch in Österreich sich ereignen. Aber seit meiner Geburt warte ich, dass es da wen gäbe, doch es fand sich niemand. Er müsste naiv sein und absichtslos. Ich rannte durch alle Gegenden, errichtete eine Homepage, gab als Kontaktanzeige ein 1400 Seiten Hennen-Werk im Schuber heraus, habe heute noch im Falter eine Kleinanzeige laufen, doch es findet sich kein Glück. Ja, wenn ich das treiben könnte, was die im Kopf haben ... Aber niemals entzündeten meine Spintisierereien die Funktionäre der Anstalten - seien es die Roten, seien es die Schwarzen. Ich bin undenkbar. Die Radioleute schufen sich sogar einen eigenen Hermes nach ihrer Fantasie, um das Problem zu lösen. Es kam schließlich so weit, dass ich zu den Gerichten ging, um anzufragen, wie diese Person mich liebhaben würde, die mich besachwalterte, ließe ich mich entmündigen. Doch da würde nur ein Aktenbündel aus mir. Und ich müsste ertragen, als ewig psychisch krank deklariert zu werden. Der Staat gibt sonst keine Hilfe. Ich glaube, heute wirst du wieder viel leichter in Anstalten festgehalten als zu Zeiten, als es noch einen "Club 2" gegeben hat. Der Einzelne gilt wieder viel weniger. Dann stünde im News, dass ich eben nun krank sei und also erledigt. Die Gesellschaft würde keine Sekunde an so etwas zweifeln. Niemand würde kämpfen für mich. Und alles, was ich dachte und schrieb, erklärte Staat und News also als ungültig. Mein Leben wäre ein großer Roman.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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