science@fiction

Daniel Kehlmann | aus FALTER 39/05 vom 28.09.2005

Im Physikunterricht demonstrierte man uns die Gültigkeit der Gauß'schen Wahr-scheinlichkeitsgesetze an einem Spielzeugmodell: ein senkrechtes Nagelbrett hinter Glas, im hölzernen Rahmen mehrere Öffnungen, durch die man winzige Metallkugeln einfüllte. Der Lauf jeder einzelnen Kugel war nicht zu berechnen, trotzdem bildete die Gesamtheit der Kugeln schließlich jedes Mal, durch welches Loch man sie auch eingefüllt hatte, dieselbe wohlbekannte Rundung der Gauß'schen Glockenkurve.

Immer wieder, bis lange in die Pause hinein, ließen wir die Kugeln über das Brett laufen, in der Hoffnung, dass einmal eine U-Form, ein Gesicht, irgendetwas Unerwartetes entstehen würde. Vergeblich. Das irritierte uns, und, ehrlich gesagt, es irritiert mich noch immer.

Ein Schriftsteller, der nebenbei studierter Mathematiker ist, erzählte mir einmal, dass er lange schon vergeblich darauf warte, dass einmal weit über tausend Menschen zu einer seiner Lesungen kämen, - nicht seines Ruhmes wegen, sondern durch

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