VOM GRILL

Einsames Addio

Steiermark Stadtleben | aus FALTER 40/05 vom 05.10.2005

Ich bin hoffentlich ein halbwegs guter Nachbar. Die alten Damen aus dem Haus läuten gottlob stets an, wenn sie Hilfe brauchen. Wenn es was zu schleppen gibt oder Gardinen abgenommen gehören. Dann turne ich ein bisschen und werde mit ein paar Monchéri entlassen.

  Sollten diese Alten einst so hinterrücks sterben, dass sie eine Woche in der Wohnung morcheln, ehe uns Übles schwant und in die Nase steigt, will ich mich nicht von Lokalreportern, die nie im Schweiße ihres Angesichtes Monchéri erworben haben, anrempeln lassen. Die trampeln bei so was immer auf dem Gewissen der Nachbarn herum. Vorschusshalber zitiere ich in Richtung Lokalredaktionen den Poeten Luis Aragon, der sagte: "Und wenn ich Journalist sage, dann meine ich Arschloch."

  Einsames Sterben kann auch in unserem Hause allweil passieren. Fährt nicht Frau L., die liebe, uralte Dame mit der versilberten Betonfrisur, immer wieder für Wochen zur Tochter nach Linz? Man trifft sie ewig nicht im Stiegenhaus. Keiner argwöhnte, dass sie mit geborstenem Oberschenkelhals im Bad liegen und vor sich hinröcheln könnte, heiser vom ungehörten Schreien um Hilfe. Doch es könnte sein.

  Es könnte auch sein, dass mit dem letzten Wort dieser Glosse mein Schädel auf die Tastatur knallt und - addio. Frau L. läutet und läutet, denkt sich nichts Arges und lutscht die Monchéri selber weg.


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