LOST & FOUND

"Russelltribunalen" (1967)

Extra | DREHLI ROBNIK | aus FALTER 40/05 vom 05.10.2005

Es scheint, so sagt die Off-Stimme von Regisseur Staffan Lamm am Ende des Films, als würden die niemals gezeigten Bilder uns über eine Distanz von 35 Jahren hinweg anschauen. Es geht um neuneinhalb Minuten Schwarzweißmaterial vom "Russell-Tribunal": Der Philosoph Bertrand Russell hatte es 1967 in Stockholm und Kopenhagen einberufen, um im Kreis von Intellektuellen wie Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Günther Anders über die amerikanische Kriegsführung in Vietnam zu urteilen.

  So klar und kompakt das Filmchen auch erzählt und montiert ist, es starrt uns tatsächlich an und fragt so manches, nicht zuletzt in Bezug auf heurige Jahrestage: dreißig Jahre Ende des Vietnamkrieges, sechzig Jahre Beginn der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Wir sehen public intellectuals in respektgebietenden Posituren, wie sie - ganz anders als die oft billigen Rülpser und antiamerikanischen Ressentiments gegen heutige US-Kriegspolitik - klar begrenzte Fragen klären: Führen die USA einen Krieg gegen Vietnam? Attackieren sie systematisch die Zivilbevölkerung? Setzen sie kriegsrechtswidrige Waffen ein?

  Die Antwort ist stets Ja, erfolgt jedoch ohne völkerrechtliche Konsequenzen und um den Preis, dass das Gelehrtengericht vietnamesische Opfer als reinen Anschauungskörper vorzuführen scheint: Von diesen werden fast ausschließlich ihre Kulleraugenblicke und Napalmverbrennungen gezeigt. Insofern ist "Russelltribunalen" auch ein Parallelfilm zu Harun Farockis wohlbekanntem Agitationsessay "Nicht löschbares Feuer": Dieser Kurzfilm hinterfragte 1967 die industrielle Herstellbarkeit und Darstellbarkeit von Napalmverbrennungen und begann mit den Worten "Eine Aussage vor dem Vietnamtribunal in Stockholm"; den Akt der Fürsprache in die Kamera spitzte der Filmemacher bis zum Ausdämpfen einer Zigarette auf der eigenen Hand zu. Geraucht wurde beim Tribunal auch, aber gebrannt haben nur die anderen.

Urania: Sa, 22.10., 18.30

Gartenbau: So, 23.10., 23 (OmenglU)


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