VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 41/05 vom 12.10.2005

Kürzlich las ich in einer Rezension des Austrokoffers, welcher nun Landvermessung heißt (was wiederum selbst der Titel eines Austro-Romans sein könnte, der hier aber ungeschrieben bleibt: Der Austrokoffer möchte eine Landvermessung sein), in einer solchen Rezension also las ich eine Anmerkung, die einer gehobenen Augenbraue glich und die Frage unterstrich: Was tut ein Text des Philosophen Rudolf Burger in einer Sammlung literarischer Texte?

  Vor 20 Jahren gab Burger selbst die Antwort, in einem drei Seiten langen Essay im Falter, der durch eine ganzseitige Illustration vier Seiten lang wurde, und vier Seiten Falter alt, man muss es sagen, waren, wie wir vom Fach sagen, viel Holz. Die Illustration hatten wir aus einem jener italienischen Magazine geklaut, von denen ich einst bei einem Genoveser Altpapierhändler einen Stoß erstanden hatte (verkleinert illustriert sie diese Kolumne). Burgers Text war der Abdruck eines Vortrags, den der Philosoph im Rahmen eines von amnesty internationl veranstalteten Symposiums zum Thema "Gewalt und Ästhetik" hielt.

  Darin heißt es: "In einer historischen Situation, in der die verwissenschaftlichte Welt sich als ganze dem Begriff entzieht, dem sie ihre Existenz verdankt, in der die Wirklichkeit selbst immer mehr zur Fiktion wird, gewinnt Kunst ihre ursprüngliche Funktion zurück: den Schein mittels des Scheins zu durchschlagen. Nur mehr im subjektivsten Ausdruck erschließt sich das Objektiv (kursiv vom Autor). (Die Texte Adornos etwa oder die Essays von Günther Anders sind selbst in hohem Maße künstlerische Gebilde, gerade weil sie der strengsten Erkenntnis verpflichtet sind; an ihren exponierten Rändern wird alle große Theorie zum Kunstwerk)." Na also. Niemand hätte damals gedacht, dass Burger 1991 Professor an der Angewandten, später deren Rektor würde. Der Rest ist Geschichte.


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