Fragen Sie Frau Andrea

Apparatschik

Stadtleben | aus FALTER 41/05 vom 12.10.2005

Liebe Frau Andrea,

letzten Samstag beim Frühstück im Café Stein wurde anlässlich der Wienwahl ausgiebig politisiert. Dabei fiel im Zusammenhang mit dem Rathaus ein Ausdruck, der mich nicht mehr loslässt. Sicher wissen Sie Rat! Woher kommt das seltsame Wort Apparatschik?

Julia Stern, Wien 9

Liebe Julia,

Apparatschik bezeichnet den servilen und stets vorauseilend gehorsamen Funktionär eines Parteiapparats. Die Bezeichnung kommt über die ehemalige DDR aus der fast so ehemaligen UdSSR und leitet sich vom Ausdruck "apparatschik" ab. (Das russische Suffix "tschik" bildet Täterbezeichnungen und würde bei uns wohl zu Ausdrücken wie Sesselklebtschik oder Nulldefizittschik führen.) Die Strategie, sich bei Vorgesetzten beliebt und wenn möglich unentbehrlich zu machen, ermöglicht dem Apparatschik in bürokratisierten Systemen den direkten Aufstieg an die Vorstands- oder Parteispitze, wo der Apparatschik unversehens zum Bonzen wird. Der Ausdruck Bonze wiederum kommt ursprünglich vom anderen Rand der Sowjetunion, vom japanischen "Bozu". Der Bozu, ein buddhistischer Priester in China und Japan, wurde über das französische "bonze" zum despektierlichen Schimpfwort der Arbeiterbewegung für Parteifunktionäre in der Weimarer Republik. Nach Konjunktur in Nazideutschland stand der Bonze zuletzt in der DDR in schimpfwörtlich hohem Ansehen, wo man mächtige SED-Funktionäre als Parteibonzen bezeichnete.

dusl@falter.at


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