PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Liebe Türkei!

Stadtleben | aus FALTER 42/05 vom 19.10.2005

So spricht der Herr: Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen...

Ex 22,20-26 (1. Lesung am 30. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

dWenn sie im Einser den Gottschalk haben, wagen sie im Zweier was Feines zu bringen. Diesmal war es der komplette Don Carlos vom Burgtheater. Fast fünf Stunden lang! Aber sie haben die Burgtheateraufführung nicht einfach nur abgefilmt, sondern alles extra in einem Studio nachgespielt und tontechnisch perfekt aufgezeichnet, sodass der Bühnenraum nicht hallen konnte, denn niemand kann einer abgefilmten Theateraufführung auch nur ein Weilchen zuhören. Also muss ich daraus schließen, dass sich die vom Fernsehen gegenüber der Bevölkerung nur dann trauen, Wundervolles zu bringen, wenn sie die bescheißen können, und es also gar nicht merken, dass Fantastisches passiert. Oh wenn die Andrea Breth - die das inszenierte - ahnte, wie ich ihr dankbar bin, dies dem bösen Fernsehen abgegaunert zu haben!

  So beschummeln die Obrigen immer die Bevölkerung, damit nur ja niemand merkt, dass sie ab und zu eine Qualität hineinschmuggeln ins Programm. Nämlich kann ich es gar nicht fassen, dass unsere Außenministerin Ursula Plassnik, die ich für ein feines Haus hielt, so brachial die Türkei sekkierte. Wir müssen daher glauben, dass solche Dramen aufgeführt werden, wo sogar das Weiße Haus sich einschaltet, damit wir Mitleid kriegen mit der Türkei und uns denken, mein Gott, ist die Plassnik grausam, und unser Herz zerfließt.

  Liebe, liebe Türkei bitte verzeiht unsere österreichischen Löcher, es geschieht dies alles, um die Erde noch perfekter zu schaffen. Denn auch unser sozialdemokratischer Vorsitzender will sich zu einem finsteren Rabauken stilisieren, damit er von den Bösewichten beruhigt gewählt werden kann, um dann als Gutmut ein liebliches Österreich zu regieren. Schon übt er im Wald, sich vor Freude in die Erde zu rammen, dass niemand weiß, dass er Rumpelstilzchen heißt.

  Denn es muss jede Bevölkerung immer eine Betrogene sein, damit die Betrüger dann - erfüllt von schlechtem Gewissen - besten Herzens regieren.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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