Aneignung der Feindsprache

JÖRG MAGENAU | Extra | aus FALTER 42/05 vom 19.10.2005

EXIL Mit "Die Analphabetin" liefert Agota Kristof das kleine Buch zum "Großen Heft" und die Genese einer Schriftstellerkarriere. 

Ich lese. Das ist wie eine Krankheit." So beginnt die 1935 in Ungarn geborene Autorin Agota Kristof ihre autobiografischen Skizzen, die doch den Titel "Die Analphabetin" tragen. In diesem ersten Bild ist sie vier Jahre alt und kann, zum Stolz des Großvaters, fehlerfrei aus der Zeitung vorlesen. Der Vater ist Dorfschullehrer und erlaubt ihr, im Klassenraum zu sitzen und zu lesen. Sie liest alles, was ihr in die Hände fällt: Schulbücher, Flugblätter, Kochrezepte, Plakate, Kinderbücher.

  Zur Analphabetin wurde Agota Kristof erst viel später, nachdem sie nach der gescheiterten ungarischen Revolution im Herbst 1956 die Flucht in den Westen gewagt hat. Sie strandete in der französischsprachigen Schweiz und musste eine neue Sprache erlernen, die sie "Feindsprache" nennt, weil ihr dadurch die Muttersprache allmählich abhanden kommt. Auf Französisch begann

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