"Gib mir Gewissen"

Extra | MAYA McKECHNEAY | aus FALTER 42/05 vom 19.10.2005

FRÜHWERK Nur schwer erträglich: Rainer Werner Fassbinders gesammelte Jugendprosa und -lyrik. 

Auch Thomas Bernhard hat sie einmal geschrieben: überschwängliche Pubertätsprosa, die ziemlich unerträglich ist. Ähnliches gilt für eine frühe Textsammlung von Rainer Werner Fassbinder, die dieses Frühjahr unter dem Titel "Im Land des Apfelbaums" von Fassbinders letzter Cutterin, Lebensgefährtin und jetzigen Nachlassverwalterin Juliane Lorenz herausgegeben wurde.

  Die Gedichte, Kurzgeschichten und Hörspiele stammen aus zwei Heftchen, die der 17-jährige Rainer seiner Mutter Liselotte zu Weihnachten bastelte. Auf den teils hand-, teils maschinenbeschriebenen Blättern, zusammengeheftet und mit bunten Chagall-Postkarten beklebt, liest man Gedichte mit weltschmerzschwangeren Titeln wie "Verbranntes Herz" oder "Vermess den Tränensee" und jede Menge holpriger Kreuzreime.

  Fassbinder probiert Posen. Die Brecht-Pose in der "Penner Saga": "Liegt der fette Bürger / mit gefülltem Magen schon im Bett / Schwimmt als Schweinewürger / Bald im eignen Fett". Oder die des Goethe'schen Prometheus: "Mein Herz, o Zeus/ Gib es zurück/ Ich bitt dich drum/ Gib mir Gewissen!" Man muss sich schon vorstellen, dass eine der von RWF verkörperten Filmfiguren - Fox aus dem "Faustrecht der Freiheit"oder Jorgos, der "Katzelmacher" - diese Poesie mit heiliger Ehrfurcht rezitiert. Dann allerdings kommen einem fast die Tränen.

Rainer Werner Fassbinder: Im Land des Apfelbaums. Gedichte und Prosa aus den Kölner Jahren 1962/63. Herausgegeben von Juliane Lorenz. München 2005 (Schirmer Graf). 186 S., E 20,40


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