VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 44/05 vom 02.11.2005

Ankündigungen treffen selten ein; das versprochene Interview mit dem Starfriseur muss warten, weil der größere Schnitter geschnitten hat: Er hat Paul Blau genommen, den streitbaren Sozialdemokraten und Kritiker seiner Partei, einst Chefredakteur der AZ, friedens- und ökobewegt. Vor zwanzig Jahren schrieb er im Falter einen Artikel anlässlich eines der wiederholten Besuche der "Vaters der Atombombe", Edward Teller, der damals die Welt bereiste, um sie für Ronald Reagans Krieg der Sterne zu begeistern.

  Blau schrieb unter dem Titel "Der Wohltöter, oder Der andere E. T.": "Wie ist es um die Gedanken- und Gefühlswelt eines Menschen bestellt, dessen ganzes Sinnen und Trachten auf die Erfindung immer schrecklicherer Massenvernichtungswaffen gerichtet ist? (...)

  Die zweite Frage betrifft die Massenmedien, diese Mixtur aus Kommunikationstechnik und angewandter Psychologie. Wie groß ist eigentlich ihr Beitrag zur wachsenden Kriegsgefahr? Zur Gewöhnung ans Undenkbare durch Verharmlosung? Ich schätze ihn sehr hoch ein: Durch millionenfache Verbreitung von Feindbildern; durch die Verschwörung des Schweigens, mit dem sie die Stimmen der Vernunft ersticken und die Ergebnisse sorgfältiger Analysen verbergen, selbst wenn sie von den angesehensten Wissenschaftlern stammen, wie etwa die von 111 Nobelpreisträgern der Naturwissenschaften und der Medizin unterzeichnete ,Erklärung von Warschau' vom Sommer 1981, die in bewegenden Worten die Mahnung Albert Einsteins und Bertrand Russels wiederholte. Nichts davon wurde hier berichtet! Und schließlich dadurch, dass sie immer wieder ein Millionenpublikum Menschen wie E.T. ausliefern, der sich selbst - vielleicht - als Wohltäter versteht, doch von jedem, der seine Person und sein Wirken näher prüft, mit Schaudern als Wohl-Töter beurteilt werden wird." Paul Blau ist letzte Woche im Alter von 90 Jahren in Wien gestorben. A.T.


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