VOM GRILL

Kisten vom Himmel

Steiermark Stadtleben | Mathias Grilj | aus FALTER 45/05 vom 09.11.2005

In einem Besinnungsaufsatz über die steirische Weinstraße lesen wir: "Darüber schüttet der Himmel ein Blumenbukett von Farben aus ..."  Wie bitte? Was?  "Darüber schüttet der Himmel ein Blumenbukett ..."

Darf das wahr sein? Es dürfte nicht, aber es ist. Wer meint, dies sei ein besinnungsloser Schulaufsatz und man müsse leider über die Einführung der Prügelstrafe nachdenken, zumindest für Metaphern mit Pflanzen schleudernden Sphären, der irrt in der Prämisse. Ja: Für dieses geschüttelte Wortbukett müsste man in jeder vernünftigen Volksschule fünfzigmal Zolas Diktum abschreiben: "Es ist eine Sünde, schlechte Sätze zu schreiben." Aber: Wer hierzulande mit so etwas sündigt, bekommt keine Strafe, sondern einen Staatspreis. "Darüber schüttet ..." stand in der Kleinen Zeitung und stammt von Gerhard Roth.

  In einem anderen Kleine-Aufsatz stand, 1945 hätte ein russischer Soldat eine Flasche Schwefelsäure gelehrt. Gelehrt? Gelehrt.

  Der neue Grazer Kulturstadtrat Werner Miedl schätze, sagt er im Kleine-Interview, den Schriftsteller Gerhard Roth. Ist ihm ein Blumenkistchen auf den Kopf gefallen? Trifft da womöglich jemand, der nicht lesen kann, auf jemanden, der schreiben lernen müsste? Was die Herbstmetaphorik angeht, lohnt es sich, ein bisschen Trakl zu lesen. Dem wäre im buntesten Morphiumrausch nie ein so peinlicher Himmel passiert.


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