STANDPUNKT

Dreißig Sekunden

Politik | aus FALTER 45/05 vom 09.11.2005

Maria Rauch-Kallat schenkt in einer neuen Kampagne mittels Radiospot allen Frauen, die gerade "Kinder wickeln, Wäsche waschen, zum Termin hetzen, Geschirrspüler einräumen, Sprösslinge rumchauffieren, beim Kinderarzt warten, über der Buchhaltung brüten" und vieles mehr, dreißig Sekunden Zeit. "Man(n) glaubt es kaum - Frau braucht Zeit und Raum" lässt die Frauenministerin dabei den Männern ausrichten - "zum Nachdenken". Danke für die dreißig Sekunden, aber diese Zeit reicht leider nicht einmal aus, um sich ausführlich über diese nett gemeinte, aber trotzdem misslungene Kampagne aufzuregen. Frauen brauchen weder Mitgefühl noch geschenkte dreißig Sekunden. Was hilft - und Männer vielleicht doch dazu bringt, auch das Bügeleisen in die Hand zu nehmen -, ist eine mutige Frauenpolitik. Damit Frauen nicht mehr neben einem Job, in dem sie im Schnitt ein Drittel weniger verdienen als die männlichen Kollegen, auch noch Haushalt und Kinder schupfen müssen, während der Herr Gemahl im Auftrag der Ministerin darüber nachdenkt, wie arm die Gattin dran ist. Was Frauen brauchen, ist längst bekannt: leistbare Kinderbetreuung, gleich viel Geld für gleiche Arbeit, ein faires Pensionssystem, Maßnahmen gegen Frauenarmut und eine vom Mann unabhängige Absicherung. Dreißig Sekunden Mitleid "zum Nachdenken" kann sich die Ministerin aber sparen. N. H.


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