PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Die himmlische Pogopartei

Stadtleben | aus FALTER 45/05 vom 09.11.2005

... Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

Mt 25,14-30 (Evangelium am 33. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres A)

Und dann trat über das Fernsehen der Spiritus Rector der Anarchistischen Pogopartei in mein Leben. Seinen Namen hab ich mir nicht gemerkt, es ging so schnell im Fernsehen, und ich war so überwältigt, doch er ist langhaarig, schwarzhaarig, markante, feste Stimme, sieht eine Million Mal geiler aus als ich, und lebt mein Leben, das ich so gerne führen würde, wenn ich etwas zu reden hätte in dieser Frage. Der Spiritus Rector der Anarchistischen Pogopartei wohnt in einem kleinen Zimmer in Berlin, kann dort nicht heizen, nicht baden, und vor allem steht dort sein Bett, in das er nackt kriecht, wenn es kalt ist. Und dann geht er in ein Lokal, wo er wohlgelitten ist und auch ausschenkt manchmal, weil es anarchistisch ist, und niemand herrscht, und er weiß es zu erklären, was die ganze westliche Welt nicht begreift: Angestellt zu sein ist eine nicht zu ertragende Sexualform, vor allem, wenn kein Gegenbegehren läuft. Und das kennen die Arbeitsmarktservices nicht. Sie begreifen es nicht einmal. So sehr herrscht das System. Würde ich vor einen Amtsarzt gezerrt und würde frei reden, hätte ich sofort "krank" auf die Stirn tätowiert.

  Nun bin ich am Zerbrechen, und niemand interessiert es mehr. Ich habe mich zerschlissen an der jahrzehntelangen Mühe, Feind der Welt zu sein, das interessiert nun niemanden mehr. Wie bei Kafka wird nun mein Tor geschlossen, und niemand schaut zu. Der fantastische Berliner Typ von der Anarchistischen Pogopartei aber hat Kraft. Und du ackerst die ganze Nacht und dringst nicht vor. Der sitzt in Berlin, nimmt vom Sozialamt jene 200 Euro, die ihm das deutsche Gesetz zubilligt, bedankt sich bei den Leuten, die sich dem Gesetz unterwerfen können, meint dieses echt. Aber er könne das nicht. Er ist kein Kohlhaas, er ist was Neues, Kluges. Ich schätze, solcher Leute fänden sich in dem 500-Millionen-Personen-Europa weit mehr, als es Angehörige des Malteser-Ritterordens gibt. Und bildeten wir einen landlosen Orden, wären wir eine beträchtliche Entlastung der Brüssler Sorgen.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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