PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Anhimmelung meines schwulen Friseurs

Stadtleben | aus FALTER 46/05 vom 16.11.2005

"... Du hast Tom Winter mit dem Öl der Freude gesalbt zum ewigen Priester und zum König der ganzen Schöpfung ..."

(Präfation am 34. Sonntag im Jahreskreis, Hochfest zur Krönung des Kirchenjahres)

Von meinem Fenster aus könnt ich den ganzen Tag meinem Friseur in die Auslage schauen, mit wundervollen Frauen und Männern, die darinnen arbeiten, aber auch eben mit "meinem" Tom Winter, in den ich wahrlich vernarrt bin. Tom ist von seinem Wesen her so sanftmütig und geduldig und offen und schwul und trägt einen Dreitagesbart und benützte Bluejeans, die so sitzen, dass alle Menschheit unter ihm leiden möchte, was natürlich nicht geht. Darum hat die Mutter Kirche ja auch die Transsubstantiation mittels der Messe erfunden, es war ein erster Versuch, denn du willst nur leiden unter denen, die ihr Leiden wie ein Steinmetz behauen. Alle werden das wollen, vermutlich. Aber es gibt natürlich Millionen Tom Winters auf Erden, wahrscheinlich sechs Milliarden. Einmal hat mir der Tom, den ich so anhimmeln darf, die Haare gewaschen, als läse er die Messe, und zum Schluss, als Apotheose, das nasse Handtuch über den Hals geschnalzt, bis zu den Brustwarzen hin, sodass ich merkte, er tat es mir zuliebe.

  Seit ich hier wohne, ist in der Gegend so viel gewachsen. Nämlich nicht nur, dass alle Sadomasowirtshäuser sich rund um meine Wohnung gruppierten, wobei aber ich zuerst da war, und dann erst die Wirtshäuser alle entstanden. Der zierliche, paradiesische und bulgarische Modeschöpfer Petar Petrov hat hier seine Werkstatt und seinen Lover, und ich darf sie im Stiegenhaus treffen und sterben vor Glückseligkeit. An der anderen Ecke zur Marchettigasse befindet sich ein lesbisches Wirtshaus, schräg gegenüber wohnt die schreibende Gloria, die mir so viel Wohlwollen ständig spendet, eine weise Transe, die jetzt auch eine transsexuelle Ausstellung im Rathaus für die Trans-X mitgestaltet, und natürlich läuft in einer anderen ehemaligen Druckerei in der Neustiftgasse 73 im 7. Bezirk nun auch eine schwul-lesbische Ausstellung von Hannes Sulzenbacher und seinem Team "Geheimsache Leben". Sodass die ganze Stadt für mich Schreckhaften an allen Ecken und Enden erblüht, wo früher eine andere Struktur war.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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