VOM GRILL

Hinter tote Ohren

Steiermark Stadtleben | MATHIAS GRILJ | aus FALTER 46/05 vom 16.11.2005

Sehr geehrter Herr Professor! Sie sind seit Jahren in der Erde. Gesetzt den Fall, dass die Karikaturen einigermaßen stimmen, sitzen Sie im Spitalsnachthemd auf einem gekräuselten Wölkchen, schauen auf Ihre alten Schüler hinab und haben wie immer reichlich zu meckern.

  Haben Sie noch Ihre Prothese, Herr Professor, oder kriegt man im Himmel ein frisches Bein, auch wenn man auf Erden die gesunden Glieder aus Jux und Tollerei bei Autorennen kaputt gefahren hat?

  Neulich habe ich Ihre Diktion aufgegriffen von wegen nix lesen und schreiben können. Dass nämlich die Kenntnis von Buchstaben nicht viel sagt und jemand wie Gerhard Roth nicht schreiben kann, aber trotzdem unentwegt tippt und tippelt ... Natürlich hätten Sie ihn mit Ihrer kompakten Verachtung für fettig-schlampig-dümmliche Österreicherei weggewischt.

Der Kulturstadtrat ist ein Kieberer und kennt den Enkidu nicht. Hat er nie verhaftet. Aber - ich will es nicht verhehlen - er ist nicht unsympathisch. Ich kenne ihn von Elternabenden. Wenn er das Maul hält, mag man ihn irgendwie. So geht Leben. So geht Stadt. Er ist ein lieber Zausel und hat überhaupt keine Ahnung. Optimal somit für die Berührung des Mirakels der Kunst.

  Ich bin inzwischen, sehr geehrter Herr Professor, eine ähnlich arrogante Sau geworden wie Sie. Ich weiß, dass es Ihnen behagt. Ich trage es weiter.


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