KUNST KURZ

Kultur | NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 48/05 vom 30.11.2005

Auf keinen Fall würde jemand, der die Arbeiten von Louise Bourgeois in der Kunsthalle (bis 5.2.) sieht, annehmen, dass es sich um die Kunst einer 94-Jährigen handelt. Bourgeois' Zeichnungen und Stoffarbeiten aus den letzten 15 Jahren wirken so frisch, unroutiniert und dynamisch, als hätte sie der Schaffenstrieb eben erst gepackt. Im hohen Alter reicht der französischstämmigen, spät berühmt gewordenen Amerikanerin schon ein Küchentuch als Material. Der erste Raum der Ausstellung "Aller - Retour" reiht Bilder mit Spinnennetzmuster aneinander, die aus gestreiften Hangerln genäht wurden. Die dazu präsentierte Bronzespinne könnte man fast als Bourgeois' Maskottchen bezeichnen. Mit diesem gruseligen Muttersymbol hat die Künstlerin wiederholt eigene Kindheitskonflikte zum Ausdruck gebracht. Amorphe Formen und brustgleiche Hügel durchziehen eine Reihe von Aquarellen. Diese roten Landschaften oder Wellenberge stehen für eine weniger bedrohliche Mütterlichkeit.

In der Folge der Ausstellung blitzen nur mehr hie und da eindeutige Symbole auf. Dennoch ist der Duktus des künstlerischen Verarbeitens innerer Konflikte deutlich zu erkennen. Bourgeois verwendet ihre Zeichnungen als eine Art Tagebuch, oft lässt sie auch Texte oder Schriftelemente einfließen. Vokabel aus der Psychoanalyse finden sich darunter ebenso wie eine Obsession zum Thema Liebe. Manche Textbilder lassen an konkrete Poesie denken. Die Buchform selbst ist in der Schau auch vertreten. Für den textilen Band "Ode à l'Oubli" hat die Künstlerin Stoffe mit ihren exzentrischen Abstraktionen bestickt, bedruckt und bemalt. Der letzte Raum versammelt Zeichnungen von 1950 bis heute. Es wird deutlich, wie konsequent sich Bourgeois über die Jahre treu geblieben ist, aber auch, wie sehr sich ihre Formensprache aufgeheitert hat. "Art is a guarantee of sanity", heißt es auf einem Blatt. Für Bourgeois hat Kunst als Therapie offensichtlich funktioniert.


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