SPIELPLAN

Kultur | ELFI OBERHUBER | aus FALTER 48/05 vom 30.11.2005

Die düsteren Ahnungen um das vom Ungarn Gyula Harangozó neu formierte Staats- und Volksopernballett haben sich bewahrheitet: Die erste Premiere, "Tschaikowski Impressionen" in der Volksoper (nächste Vorstellungen: 2. und 5.12.), ist altbacken, geschmacklos und wirr. Im klassisch-dunklen Pathos-Potpourri des ersten Akts sind "eine Mäzenin und ihr Komponist" zusammengepanscht: Liedsängerin Birgid Steinberger als Nadeschda von Meck und die Solotänzer "Tschaikowski" (ein charakterarmer Tamás Solymosi) sowie sein "Alter Ego" (Wolfgang Grascher bräuchte einen Schauspielkurs), das Sprechverse in den Himmel schmust. Zu interpretieren ist das wohl als Kunst-Natur-Todessehnsucht, weil der Musiker seine Homosexualität nicht ausleben durfte. Hätte Choreograf Ivan Cavallari das herausgearbeitet, wäre wenigstens irgendwas daraus geworden. Im "neuzeitlichen" zweiten Akt verbindet Tschaikowski dann mit seiner unsterblichen Musik zwei chattende Heteros, bis ein personifizierter Computervirus (einziger Bewegungsstar der neuen Company: Balázs Delbó) auf einem Dreirad dazwischenfährt. Selbst als Verarschung wäre das zu schlecht.

  Entschieden klar spottet dafür Bernd R. Bienert, der für Homunculus "Alzburg : Eutopa" (bis 30.11.) choreografiert hat. Schauspieler Albert Rueprecht verkörpert im Frack das personifizierte Kulturtourismus-Image "Alzburg" (= Österreich), das als "festliche Fressspielstadt" mit österreichischen Semmerln auf die Homunculus-Tänzer im Erdgeschoß des Semper Depots niederprasselt. In ihnen, den wahrhaften Künstlern, herrscht mit Essl-Fennesz-Schwartz-Horrortönen die "Ohnmacht von Eutopa". Keiner schafft es, sich dem Druck zu widersetzen. Verzweifelt halten sie sich wie Fallschirmspringer aneinander fest, robben sie am Rande der Bühne entlang, "schwimmen" sie sich etwas frei - um doch wieder zu fallen. Bis sie am Ende kreuztot dem Publikum entgegenblicken, das sich in ihren starren Gesichtern wiedererkennt. Warm anziehen!


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